Gustav Mahler Musikwochen Settimane Musicali Music Weeks Toblach Dobbiaco Hochpustertal Alta Pusteria Dolomiten Dolomiti Dolomites Südtirol Alto Adige South Tyrol Italien Italia Italy
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Mahler in Toblach
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Gustav Mahler Musikwochen Settimane Musicali Music Weeks Toblach Dobbiaco Hochpustertal Alta Pusteria Dolomiten Dolomiti Dolomites Südtirol Alto Adige South Tyrol Italien Italia Italy

Der Internationale Schallplattenpreis Toblacher Komponierhäuschen seit 1991:

2012
Jury
Lothar Brandt, Stuttgart&Zürich; Rémy Franck, Luxemburg; Michael Schwalb, Köln; Thomas Schulz, München;
Vorsitz: Attila Csampai, München;
Kategorie A:
Wiederver-
öffentlichungen
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 6 a-moll
Leitung: Antal Doráti
The Israel Philharmonic Orchestra
 
 
Aufnahme/incisione: Tel Aviv, 27. November 1963, Mann Auditorium, Erstveröffentlichung 
                                       
Helicon 02-9642 / Vertrieb: harmonia mundi (mono - TT : 71’13)
 
 
Der 1906 in Budapest geborene Antal Doráti ist als Mahler-Dirigent nur selten in Erscheinung getreten, obwohl ihm dessen musikalisches Idiom als Kind des Vielvölkerstaates vertraut war. Bisher waren von ihm nur zwei späte Konzertmitschnitte der Fünften und Neunten (aus Stockholm und Berlin) gelistet, und insofern ist die jetzt in den Archiven des Israel Philharmonic entdeckte Sechste ein echter Fund, und ein großartiges Zeugnis seiner tiefen Mahler-Affinität.
 
Die Live-Aufführung wurde am 27. Oktober 1963 in Tel Aviv mitgeschnitten und zählt zu den ganz frühen Einspielungen des lange Zeit verkannten Werks. Erst acht Jahre zuvor hatte die amerikanische Erstaufführung unter Mitropoulos stattgefunden und die später maßgeblichen Aufnahmen unter Bernstein, Szell, Kubelik und Solti lagen noch in weiter Ferne. Doráti aber verstand es bei dieser seltenen Gelegenheit, den ganz spezifischen tragisch-leidenschaftlichen Ton, die innere Unruhe und die hochdramatischen emotionalen Wechselbäder dieses sinfonischen Alptraums mit großer Souveränität in einen durch und durch logischen und verständlichen Erzählfluss zu formen und zu bündeln, und so auch die von Alma Mahler immer wieder beschworene Ebene der persönlichen Welt- und Leiderfahrung Mahlers ins Zentrum einer ganz realistischen Schreckensvision zu rücken. Der Grundton der tragischen Lebenserfahrung, der Ohnmacht des Genies gegenüber der Übermacht des Wirklichen, bleibt der rote Faden in Dorátis leidenschaftlicher, psychologisch sensibler Interpretation und sein natürlicher, dramatisch stringenter und ungemein schlüssiger Erzählduktus trifft immer das richtige, der Situation angemessene Tempo. Wir erleben die Geburtsstunde eines großartigen, echt „kakanischen“ Mahler-Dirigenten und eine frühe Modellaufführung eines Meisterwerks, das damals um seine Anerkennung noch bangen musste.
 
Kategorie B:
Neuproduktionen
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 9
Symphonieorchester des Bayrichen Rundfunks
Leitung: Bernhard Haitink
 
Aufnahme: München, 15.-16. Dezember 2011, Philharmonie im Gasteig
 
BR-Klassik 9001113/ Vertrieb: Naxos (TT: 79’53)
 
 
Mahlers Neunte, seine letzte vollendete Partitur, gilt seit ihrer postumen Uraufführung im Juni 1912 als ein Manifest des Abschieds von der Welt:
So dominieren auch in der riesigen Diskographie des Werks eher resignative bis elegisch beschwörende Lesarten, obwohl die beiden Mittelsätze eine andere, der Lebenswirklichkeit zugewandte Sprache der feinen Ironie und der grotesken Überzeichnung sprechen. Im Rahmen des von den BR-Symphonikern ausgerichteten Mahler-Zyklus hat Altmeister Bernard Haitink im Dezember 2011 mit dieser Symphonie einen absoluten Höhepunkt gesetzt.
Selten hat man den immensen Farbenreichtum und die polyphone Vielstimmigkeit dieses janusköpfigen Meisterwerks so sinnlich-auratisch, so versöhnlich-tiefempfunden, so souverän strömend und in schönsten Wohllaut gehüllt erleben können wie in dieser auch akustisch perfekten Stereo-Aufnahme aus dem Münchner Gasteig. 55 Jahre Mahler-Erfahrung schärfen den Blick fürs Wesentliche, und so begnügt sich der altersweise Magier mit der Rolle des souveränen Koordinators, während die exzellenten Musiker in kollektiver Trance über sich hinauswachsen. Mit großer innerer Ruhe verklammert er die vier disparaten Sätze zu einer homogenen Erzählung, zu einem mächtigen Abgesang des Lebens und der Liebe, zu einem grandiosen, gefassten Schlusswort.
 
Kategorie C:
Sonderpreis
An den japanischen Tonmeister und Produzenten
Tamoyoshi Ezaki
(Exton Studio Yokohama)
 
  
Für seine audiophilen, modellhaft transparenten und präzisen SACD-Aufnahmen der Symphonien I, III, IV und V mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra unter Manfred Honeck beim japanischen Label Exton (ebenso für seine früheren ähnlich hochwertigen Mehrkanal-Aufnahmen der Mahler-Symphonien III, IV, V und VII mit Zdenek Mácal und der Tschechischen Philharmonie, ebenfalls bei Exton). Ezaki, der zu den Pionieren der hochauflösenden Mehrkanaltechnik zählt, erfüllt in seinen holographisch anmutenden Klangbildern Mahlers Forderung nach Deutlichkeit und nach der völligen Durchhörbakeit seines polyphon aufgefächerten Orchestersatzes in idealer Weise. Seine filigran durchgezeichneten, stets natürlich ausbalancierten, farbenprächtigen Klangbilder übersetzen die innere strukturelle Komplexität von Mahlers Partituren in ein hochdifferenziertes Klanggewebe, das man in der akustischen Realität einer Konzertaufführung so kaum zu hören bekommt. Sein raffiniertes Klangdesign
setzt auch ästhetisch neue Maßstäbe: Es dokumentiert den hohen Anteil
des Tonmeisters am künstlerischen Gesamtergebnis.
            
                                

2011
Jury
Lothar Brandt, Stuttgart, Rémy Franck, Luxemburg, Prof. Dr. Günter Schnitzler, Freiburg, Thomas Schulz, München
Vorsitz: Attila Csampai, München
Kategorie A:
Wiederver-
öffentlichungen
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 3 d-moll
Leitung/ direttore: Dmitri Mitropoulos
Lucretia West, Mezzosopran;
Frauen des Kölner Rundfunkchors,
Kölner Domchor; Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester des WDR
 
Aufnahme/incisione: Funkhaus Köln, 31. Oktober 1960 (Live-Mitschnitt) Erstveröffentlichung (+ Debussy: La mer)
                                       
ICA Classics ICAC 5021/Vertrieb: Naxos     (2 CDs – mono)    TT : 94’33
 
 
Bislang gab es von Dmitri Mitropoulos’ legendärem letzten Mahler-Konzert, das er zwei Tage vor seinem Tod in Köln dirigierte, nur mangelhafte Piratenpressungen. Jetzt hat der WDR die exzellenten Originalbänder zum erstenmal beim neu gegründeten englischen Sammlerlabel ICA Classics veröffentlicht, und das Ergebnis übertrifft alle Erwartungen.
 
Wer Mahlers monumentale „Schöpfungs-Symphonie“ von den einschlägigen Stereo-Referenzen im Ohr hat, also etwa von Haitink, Horenstein oder Solti, wird erstaunt sein, welche luftige Transparenz und unglaubliche Detailfülle die WDR-Techniker und natürlich auch Mitropoulos dem massiv instrumentierten Koloss schon 1960 in Mono abzutrotzen verstanden: Zahlreiche neueste Digital-Produktionen klingen dagegen richtig verwaschen und aufgebläht. Was einem aber von ersten Takt in Bann schlägt, und dann mehr als 90 Minuten lang den Atem raubt, ja in eine andere Welt entführt, ist Mitropoulos’ „fanatische Ausdrucksmacht“ , die Michael Schwalb ist seinem Booklet-Kommentar als entscheidendes Kriterium seiner Magie festmacht, und die ihn aus heutiger Sicht schon fast als Exoten aus einer anderen Zeit erscheinen läßt. Denn fast alle Mahler-Pultstars von heute wirken dagegen wie blasse Technokraten. Und weiter schreibt Schwalb: „Mitropoulos nimmt Mahler beim Wort, er verlässt sich ganz auf die Tragfähigkeit der großen architektonischen Bögen, weshalb der erzählerische Duktus seiner breiten Tempodisposition so fesselnd und bestechend ausgeglichen wirkt. Dabei lotet er in dem ihm eigenen Ausdrucksfanatismus alle Höllenabgründe und Seelenzerrissenheiten Mahlers aus.“ In der umfangreichen Diskographie der Dritten gibt es keine vergleichbare Interpretation von einer solchen dramatischen Stringenz, einer solchen Erzählkraft, einer solchen herzzerreissenden Intensität. Daß Mitropoulos während der Aufführung eine Herzattacke erlitt und danach nur noch zwei Tage zu leben hatte, macht dieses letzte Dokument seiner Kunst nur noch wertvoller und erschütternder.
 
Kategorie B:
Neuproduktionen
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 7
Residentie Orchestra The Hague
Leitung/ direttore: Neeme Järvi
 
Aufnahme: Den Haag, 5. – 6. Juni 2009, Dr Anton Philipszaal.
 
Chandos CHSA 5079/ Vertrieb: Codaex   (Hybrid-SACD)   TT: 70’10
 
Keine andere Symphonie Mahlers enthält so viel „Nächtliches“ und „Dunkel-Ungewisses“, und dennoch empfand Mahler seine Siebte als „ein Werk vorwiegend heiteren Charakters“ . Sein doppelbödiges Spiel mit den Bausteinen und Ingredienzien des „Romantischen“ und überhaupt der tiefe ironische Grundzug des Werks hat den Zugang des Publikums wie auch der meisten Dirigenten lange blockiert. Jetzt hat der 74jährige estnische Altmeister Neeme Järvi mit geradezu jugendlicher Nonchalance und dem auf Topniveau spielenden Residentie Orchester aus Den Haag die Flucht nach vorne angetreten und mit atemlosen Tempi den ganzen nächtlichen Spuk und alle romantische Beschaulichkeit weggewischt, als interessiere ihn, den abgeklärten Vollblutmusiker, nur noch Mahlers geläutert-heiteres Spiel mit den Farben und Formen der „romantischen Tradition“, als seien alles Pathos, alles Bedeutsame, alle Geheimniskrämerei nur Vorwände, um eine ganz moderne, locker fließende, zugleich rückwärts blickende und weit in die Zukunft weisende Symphonie zu schreiben, die seine eigene endgültige Befreiung vom „symphonischen Märtyrer“ vollzieht. Diese heitere Distanz zu aller dröhnenden Erdenschwere wirkt provozierend, da sich viele Rätsel wie von selbst auflösen: Der Kopfsatz wirkt formal viel stringenter, die beiden „Nachtmusiken“ doppelbödiger, entkitschter, und das zentrale Scherzo schärfer und eleganter als wir es bisher kannten, und auch das phantastisch durchgezeichnete, hypertransparente Klangbild der Mehrkanalaufnahme trägt das ihre dazu bei, um diese lange verkannte Symphonie als Meisterwerk kompositorischer Raffinesse und als dunkle Schwester der ähnlich doppelbödigen Vierten neu zu erleben.
Kategorie C
Sonderpreis
Franui – Mahlerlieder “...und ruh’ in einem stillen Gebiet.”
 
(ausgewählte Lieder aus „Lieder eines fahrenden Gesellen“; „des Knaben Wunderhorn“; „nach Texten von Friedrich Rückert“; „Kindertotenlieder“;
arrangiert von Markus Kraler und Andreas Schett )
 
Daniel Schmutzhard, Bariton; Musicbanda Franui
 
Aufnahme: Innsbruck, 19. –21. August 2010
 
Col Legno WWE 1 CD 20303/ Vertrieb: Harmonia mundi TT: 70’32
 
Der weltweite Mahler-Hype provoziert Gegenkonzepte: Jetzt hat „Franui“, eine
wilde Ost-Tiroler “Musicbanda”, ihn quasi „heimgeholt“, und in unmittelbarer Nähe zu Mahlers Toblacher Feriendomizil eine neue alpenländische Perspektive auf sein Liedschaffen freigelegt - mit einer aberwitzigen Besetzung aus sieben Bläsern, Akkordeon, Zither, Harfe und Violine. Ihr „Liederabend mit Erinnerungen an die Ewigkeit samt unverhofften Eintreffen des Sängers“ läßt uns in seiner unverstellten Naivität, seiner rustikalen Raffinesse, seiner Zärtlichkeit, seinen Naturlauten, seiner tiefen Traurigkeit und seiner „blühenden“ Phantasie endlich wieder in die Seelen(ab)gründe dieser wunderbaren Musik blicken und fühlen. Zugleich erfahren wir, dass Mahlers Musik (wie auch seine Texte) grundsätzlich von „unten“, aus des Volkes Seele, seiner Trauer, seinen Weisen, schöpfen, und deshalb für alle Ethnien zugänglich ist, ob Klezmer, Zigeunermusik oder Alpenklang, und dass hier alle Zungenschläge ein Zuhause finden. Neun Lieder erklingen zunächst „ohne Worte“ und öffnen den Blick (und die Seele) für den musikalischen Subtext: ihre archaische Schönheit, ihre naiven Glücksverheissungen, ihre zutiefst menschlichen Profile werden scharf herausmodelliert, bevor Bariton Daniel Schmutzhard mit altmodischem Pathos die tieferen Schichten, ihre Tristesse, Einsamkeit und Todesnähe ausleuchtet. Franui gelingt hier das große Kunststück, Mahlers Musik von allem zivilisatorischen Müll und Konzertsaal-Mief zu befreien, und ihr ein Stück ihrer Naivität, ihrer erschütternden Aura, ihrer schmerzlichen Schönheit und Wahrheit zurückzugeben. Das ist eine völlig neue Art von Werktreue.                                                     

 

2010
Jury
Lothar Brandt, Stuttgart, Dietmar Holland, München, Christine Lemke-Matwey, Berlin,Thomas Schulz, München
Presidente:  Attila Csampai, München
Kategorie A:
Wiederver-
öffentlichungen
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 2 c-moll („Auferstehungssymphonie“)
Leitung: Klaus Tennstedt
Yvonne Kenny, Sopran; Jard van Nes,Mezzosopran;
London Philharmonic Orchestra & Choir
 
Aufnahme:London, 20. Februar 1989, Royal Festival Hall (Live-Mitschnitt) Erstveröffentlichung
 
LPO – 0044/ Vertrieb: Naxos (2 CDs , 93’00)
 
Wie schon in seinem im letzten Jahr mit einem Toblacher Komponierhäuschen ausgezeichneten phänomenalen Live-Mitschnitt der Sechsten Mahlers aus dem Jahr 1983 (LPO –0033) erweist sich Klaus Tennstedt auch in der 1989 aufgeführten Zweiten mit dem London Philharmonic als Magier des erfüllten Augenblicks, als genialischer Live-Musiker, der vor allem in seinen letzten, von schwerer Krankheit gezeichneten Lebensjahren in unglaublich suggestiver Weise das ganze tragische Potenzial der ihm anvertrauten Werke freizusetzen verstand. So auch hier: Selten klangen Mahlers Jenseitsvisionen so „unerhört“, so tief innerlich durchlebt, so beschwörend-leidenschaftlich, so überwältigend wie in diesem späten Londoner Konzertmitschnitt des 1998 verstorbenen Mahler-Fanatikers Tennstedt. Vor allem in den beiden monumentalen Ecksätzen der Zweiten entfacht er eine emotionale Glut, ein echtes Leidenspathos, dem man sich nicht entziehen kann, das einen fesselt und erschüttert und die wirklichen seelischen und metaphysischen Dimensionen dieser Erlösungssymphonie einmal spüren lässt: Das ist ein zutiefst romantischer, hermeneutischer Ansatz, und ein unerschütterliches Plädoyer für Mahlers klingende Weltanschauung, die untrennbar verquickt ist mit seinem eigenen Schicksal. Tennstedts Leidenschaft, seine physisch-dramatische Wucht, sein fantastisches Timing, wirken nie theatralisch oder effektvoll: Er ist ein Schmerzensmann und ein Wahrheitsbeschwörer, der dem Schicksal geradewegs ins Auge blickt – und so auch das positive Ende, die grosse Schlussapotheose mit unglaublicher dramatischer Stringenz als weltbewegendes, alles überstrahlendes Ereignis, ja als kosmische Entladung und Seelenbefreiung inszeniert.
Kategorie B:
Neuproduktionen
 
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 9
Royal Stockholm Philharmonic Orchestra
Leitung: Alan Gilbert
 
Aufnahme: 2. –7. Juni 2008, Stockholm Concert Hall
 
BIS-SACD-1710/Vertrieb: Klassik Center Kassel (Hybrid-SACD, 82’22)
 
Obwohl Mahlers rätselhafte Neunte erst vor kurzem von Jonathan Nott und den Bamberger Symphonikern in einer exzellenten Interpretation vorgelegt wurde (und dafür 2009 das „Toblacher Komponierhäuschen“ erhielt), muss man auch Alan Gilberts hypertransparenter Mehrkanalproduktion mit dem erstaunlich präzisen Stockholmer Philharmonikern höchstes Niveau bescheinigen: Der 42jährige neue Musikdirektor der New Yorker Philharmoniker hat das schwedische Orchester zuvor in acht Jahren weit nach oben geführt. Der in New York geborene Gilbert ist ein hochbegabter Dirigent, der es versteht, dieses unglaublich komplexe und vielschichtige Opus so frisch, klar strukturiert und zwingend logisch erklingen zu lassen, als hätte Mahler niemals ein Verständnisproblem gehabt: Es ist hier mit grosser Souveränität und unbefangener Intelligenz konturenreich und präzis durchgeformt, so dass auch alle Nebelschwaden des Depressiven, die lange Zeit über diesem vermeintlichen Werk des Abschieds lasteten, sich in Nichts auflösen. Gilberts aufbrausende Dramatik im Kopfsatz, seine Walzer-Sinnlichkeit im Scherzo, und seine klare Zuversicht im Adagio verleihen der Neunten eine neue innere Stärke: Hier öffnet Mahler kühn das Tor zum neuen Jahrhundert, und von Abschied keine Spur.
Sonderpreis
der Jury
 
Gustav Mahler: Lieder (Auswahl); „Adagietto“ aus der Symphonie Nr.5
(aus: Lieder eines Fahrenden Gesellen; Lieder nach Texten von Friedrich Rückert; Des Knaben Wunderhorn; Kindertotenlieder)
 
Elisabeth Kulman, Mezzosopran;
Amarcord Wien (Sebastian Gürtler, Violine; Michael Williams, Violoncello; Gerhard Muthspiel, Kontrabass; Tommaso Huber, Akkordeon)
 
Aufnahme: Wien, 15. –18. April 2009
 
Material Records MRE 027-2 (CD, 56’31)
 
Anstatt die sicheren, akademischen Pfade Mahlerschen Originalklangs zu beschreiten, hat sich Wiens neuer Mezzo-Star Elisabeth Kulman auf ihrem Debütalbum auf den recht absonderlichen und eben typisch wienerischen Wirtshaus-Sound des Wiener Amarcord-Quartetts eingelassen, das mit einer recht bodenständigen Besetzung aus Geige, Cello, Kontrabass und Akkordeon Mahler von hohen Ross des Lied-Symphonikers herunterholt und in raffinierten, aber stets respektvoll-seriösen Eigenbearbeitungen den authentischen Bodensatz seiner Lieder freilegt: Doch bliebe dies alles nur eine hübsche Wienerische Travestie ohne die sirenenhafte Magie der unglaublich auratischen, perfekt geführten, unerschütterlich souveränen Stimme der 37jährigen Burgenländerin. In ihrem wunderbar fokussierten, runden und kultivierten Mezzo, der in der Höhe in den schönsten Sopran wechselt, vereint Elisabeth Kulman lyrisch strömendes Legato mit glasklarer, niemals manierierter Artikulation, so dass sie den semantisch-poetischen Kern der Texte tiefgründig und mit berückender Intensität ausleuchtet.
Auch die Auswahl der Lieder erscheint wohl bedacht und schlüssig : Sie reicht vom jugendlichen Übermut der „Gesellenlieder“ über die tristen Volks-Weisheiten der „Wunderhorn“-Lieder bis zur spätromantischen Weltverlorenheit der „Rückert“-Lieder, und nach dem finster schnarrenden, seiner morbiden Süsse gänzlich entkleideten „Adagietto“ wird es auch im „Wirtshaus“ sehr ernst und philosophisch, und dann spürt man plötzlich, dass Mahler doch viel „kakanischer“, viel „wienerischer“ empfunden haben muss, als wir bisher dachten.

 

2009
Jury

Lothar Brandt, Stuttgart, Dr. Andreas Grabner, Nürnberg, Thomas Schulz, München, Götz Thieme, Stuttgart
Vorsitz: Attila Csampai, München

Kategorie A:
Wiederver-
öffentlichungen
 
 

Gustav Mahler: Symphonie Nr. 6 a-moll
London Philharmonic Orchestra
Leitung: Klaus Tennstedt

Aufnahme: London, 22. August 1983, Royal Albert Hall (Live-Mitschnitt BBC Radio 3) Erstveröffentlichung
                                       
LPO – 0038/ Vertrieb: Naxos (2 CDs , 83’53)
Klaus Tennstedts Londoner Konzertaufführung der Sechsten wurde am 22 August 1983 live in  BBC Radio 3 gesendet und verschwand danach im Archiv. Jetzt hat ihn das London Philharmonic Orchestra wieder ausgegraben und auf seinem neugegründeten Eigenlabel LPO veröffentlicht – und die späte CD-Premiere zählt auf alle Fälle zu den eindrucksvollsten Mahler-Dokumenten des 1998 verstorbenen deutschen Dirigenten: Wer die nur vier Monate zuvor entstandene „offizielle“ EMI-Studioproduktion derselben Symphonie kennt, die nur drei Minuten mehr beansprucht, aber deutlich elegischer wirkt, wird überrascht  sein von der unglaublichen Suggestivität und der glühenden Ausdruckskraft des Live-Mitschnitts, der erneut die ganz besondere persönliche Aura dieses ungewöhnlichen Musikers unterstreicht: Als Interpret folgt Tennstedt strikt dem hermeneutischen Ansatz Alma Mahlers, die diese Symphonie als „sein allerpersönlichstes und ein prophetisches obendrein“ deklariert hatte, also als genialische Vision seines eigenen unglücklichen Schicksals, und so setzt Tennstedt alles daran, dieses innere Programm einer tragischen Heldensymphonie so drastisch und so leidenschaftlich wie nur möglich und in seiner ganzen negativen Monumentalität vor dem Hörer auszubreiten, und ihn so emotional zu erschüttern. Der programmatisch-erzählerische Grundzug seines Mahler-Verständnisses ist dabei von einer grossen inneren Lauterkeit, tiefem Ernst und echtem Mitgefühl, getragen, so dass dieser schmerzliche Alptraum (insbesondere im Finale) niemals in die Gefahrenzone des Theatralischen oder Effektvollen abdriftet: Tennstedt ist kein Ästhet des Grauens und auch kein wilder Dramatiker, sondern ein Schmerzensmann und Wahrheitssucher, der dem Schicksal, dem Tragischen geradewegs ins Auge blickt – und so in der Sechsten zu eher unbequemen, fast trostlosen Ergebnissen kommt, die aber die inneren Dimensionen dieses Meisterwerks tiefer, bizarrer ausleuchten, als viele andere auf Wirkung getrimmte Aufführungen.
 
Kategorie B:
Neuproduktionen
 
 

Gustav Mahler: Symphonie Nr. 9
Bamberger Symphoniker (Bayerische Staatsphilharmonie)
Leitung: Jonathan Nott

 
Aufnahme: Bamberg, Konzerthalle, September 2008
(in Koproduktion mit BR-Klassik)
Tudor 7162/ Vertrieb: Naxos  (2 Hybrid-SACDs, 83’30)
Pünktlich zum 100. Geburtstag von Mahlers 9.Symphonie haben Jonathan Nott und seine Bamberger Symphoniker der umfangreichen Diskographie eine sehr ausdrucksstarke und bewegende Interpretation hinzugefügt, die die überbordernde Komplexität und den janusköpfigen Charakter dieses enigmatischen Werks mit beschwörender Intensität und einem guten Gespür für die altösterreichischen Tonfälle ausleuchtet und dabei auch die unerhörte „Modernität“ des Mahlerschen  Spätstils als Weiterentwicklung seines Kernthemas vom ewigen Kreislauf des Lebens und von der Allmacht der Liebe deutet. Auf der Basis eher bedächtiger Tempi in den Weltschmerz-erfüllten Ecksätzen gelingt Nott mit seinen hochmotivierten Bamberger Symphonikern ein musikalischer Appell von bezwingender innerer Logik, der bei aller überbordenden Komplexität und aller verwirrenden Vielstimmigkeit stets verständlich bleibt und niemals seinen humanen Seelenmotor - nämlich Mahlers Menschenliebe – verleugnet. So wirken hier auch die „Todesahnungen“ und der grosse Abschiedsschmerz des Adagio-Finales durchglüht von Mahlers grossem Liebesappell, und so ganz ins Welthaft-Objektive gehoben, wo sie letztlich Zuversicht und einen ruhenden Hoffnungsschimmer verströmen, die Schreckensvisionen des vorangehenden Burleske korrigierend. Die in Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk entstandene exzellente Mehrkanalproduktion unterstützt auch in ihrer beeindruckenden akustischen Wucht und Transparenz den emphatischen Ansatz des Dirigenten.   
                                                                                                               
Sonderpreis
der Jury
 
 
Gustav Mahler. Symphonie Nr.4 G-dur / arr. von Erwin Stein
(+ A. Schönberg: Sechs Orchesterlieder op.8 / arr. von H. Eisler und E. Stein)
Laure Delcampe, Sopran;
Oxalys
 
(Shirly Laub, Frédéric d’Ursel, Violine; Elisabeth Smalt, Viola; Martijn Vink, Cello; Koenrad Hofman, Bass; Toon Fret, Flöte; Piet van Bockstal,Oboe; Nathalie Lefévre, Klarinette;
Thomas Dieltjens, Klavier; Dirk Luijmes, Harmonium; Gabriel Laufer, Bart Vanderbecke, Schlagzeug)
Aufnahme: Brüssel, 21.-24. Juli 2008
Fuga libera FUG 548  (CD, 77’22)
Eine interessante Alternative zu Mahlers Originalpartitur der Vierten bietet das 1993 in Brüssel gegründete Kammer-Ensemble Oxalys, das 2008 ein postumes Arrangement der Sinfonie für 12 Kammermusiker in lupenreiner Intonation und mit viel Wiener Charme und Biss eingespielt hat: Die Bearbeitung wurde 1921 von Erwin Stein,  dem damaligen Leiter des von Arnold Schönberg ins Leben gerufenen „Vereins für musikalische Privataufführungen“ angefertigt, um diese damals von großen Orchestern kaum gespielte „moderne“ Musik wenigstens einem kleineren Kreis von Fachleuten und Enthusiasten zugänglich zu machen. Der Reiz der mit Harmonium plus Klavier und Schlagzeug operierenden Salon-Version liegt in ihrer kristallinen Klarheit und kontrapunktischen Transparenz, die etwa auch die massiven ironischen Untertöne Mahlers  wesentlich deutlicher hervortreten lässt als in so vielen stromlinienförmigen Einspielungen in Originalbesetzung. Gerade Kenner der Materie werden in der überaus prägnanten und  kakanisch-süffisanten Interpretation der jungen belgischen Truppe und dem frischen Sopran von Laure Delcampe einige Überraschungen erleben – im Bezug auf Mahlers raffinierte Polyphonie, die jetzt wie auf einem Präsentierteller konturenreich heraustritt. Auf der anderen Seite kann ein lediglich auf fünf Solisten reduzierter Streichersatz die ätherische Flimmern und das schwebende „Himmelsblau“ des Originals nur schwerlich wiedergeben – hier befinden wir uns unweigerlich in einem geschlossenen Wiener Salon, mit festem Dach darüber, und können von dem offenen „Himmel“ Mahlers nur träumen.  
 

2008
Jury
 
 
 

Lothar Brandt, Stuttgart, Rémy Franck, Luxemburg, Thomas Schulz, München, Götz Thieme, Stuttgart; Vorsitz: Attila Csampai, München

Kategorie A:
Wiederver-
öffentlichungen
 
 
 

Gustav Mahler: Das Lied von der Erde
Maureen Forrester, Alt; Richard Lewis, Tenor;

Chicago Symphony Orchestra
Leitung: Fritz Reiner
 
Aufnahme:      9.November 1959, Orchestra Hall Chicago (WVÖ 2008)
                           SonyBMG 88697 08281 2 (Hybrid-3.0-SACD)
 
 
Auch wenn uns der unerbittliche Perfektionist  Fritz Reiner (1888-1963) nur drei Aufnahmen mit Musik von Mahler  hinterließ: Anhand dieser herausragenden Einspielung des "Lieds von der Erde" mit dem  Chicago Symphony Orchestra erweist er sich einmal mehr als genuiner Mahler-Dirigent. Nicht nur zeichnet sich diese frühe Stereo-Produktion auf orchestraler Ebene durch phänomenale Spielkultur und mustergültige Deutlichkeit aus, auch sind die beiden Sänger perfekt in das transparente Klangbild integriert. Sowohl die kanadische Altistin Maureen Forrester als auch insbesondere der britische Tenor Richard Lewis zeigen eine hundertprozentige Identifikation mit dem emotionalen Gehalt der Musik. Demgegenüber spielt die Tatsache, dass beide gelegentlich Textverständlichkeit vermissen lassen, eine untergeordnete Rolle. Unter Fritz Reiners präzisem und gefühlvoll-intensivem Dirigat entfaltet das Werk eine tief berührende Traurigkeit und eine  Abschiedsstimmung, die sich auch auf die eher heiteren Sätze überträgt, indes dies alles fern von jeder vordergründigen Sentimentalität. Man wird lange suchen müssen, um eine suggestivere und gleichzeitig luzidere Interpretation etwa des letzten Satzes zu finden. Dabei spielt das Klangbild keine geringe Rolle: Im Rahmen der audiophilen "Living Stereo"-Edition von RCA als originale Dreikanal-SACD wiederveröffentlicht, wirkt diese nun beinahe 50 Jahre alte Aufnahme so leuchtend und klangschön, als sei sie gerade erst eingespielt worden.
 
Kategorie B:
Neuproduktionen
 
 
 

Gustav Mahler: Symphonie Nr. 4 G-dur

Christine Schäfer, Sopran; Royal Concertgebouw Orchestra
Leitung: Bernard Haitink
 
Aufnahme:  7. November 2006, Concertgebouw Amsterdam
                       RCO live 07003/Codaex   (Hybrid-SACD)
 
Die doppelbödige Naivität und die verdächtig positive Grundstimmung der Vierten hat die umfangreiche  Diskographie bislang eher gelähmt: Von Bruno Walter über George Szell bis zur Rattles und Boulez’ neuesten Lesarten herrscht klassizistische Zurückhaltung und pures Sicherheitsdenken. Der 79jährige Bernard Haitink dagegen durchbricht diese Distanz und läßt uns mit geradezu jugendlicher Emphase vom ersten Takt an das ständige „Als-Ob“ von Mahlers kunstvollen Täuschungsmanövern spüren: Es wird deutlich, dass Mahler hier in der Maske des genialischen Kindes virtuos mit den Bausteinen des Lebens und der Imagination „spielt“. Dies gilt auch für das alles entscheidende Liedfinale „vom himmlischen Leben“, das Christine Schäfer mit ähnlich doppelbödiger Raffinesse, ja geradezu „sophisticated“ vorträgt und uns ganz im Sinne Mahlers im Unklaren läßt, ob dieser himmlische Bericht echt empfunden oder doch ein wenig „gespielt“ ist. Sie bewegt sich mit Mahlers Musik auf des Messers Schneide zwischen naiver Affirmation und lächelnder Distanz zu der doch recht irdisch (und grausam) anmutenden Paradiesvorstellung und macht so den Unterschied deutlich zwischen Parodie, die sich Mahler verbat, und feinsinniger Ironie, die sie klug durchschimmern läßt. Auch das Klangbild dieses Live-Konzerts zum 50. Jubiläum Haitinks am Pult des Concertgebouw Orchesters ist herausragend -  in hochauflösender, klar durchgezeichneter Mehrkanal-Qualität.
 
                                                                                                                
Sonderpreis
der Jury
 
 
 

An Dame Janet Baker für Ihre herausragenden Interpretationen der Lieder Mahlers und insbesondere für Ihre legendären EMI-Produktionen der

Rückert-Lieder, der Kindertotenlieder und der Lieder eines Fahrenden Gesellen unter der Leitung von John Barbirolli in den Jahren 1967 und 1969,
die 2008 im  Rahmen der Jubiläums-Edition zu Ihrem 75. Geburtstag wiederveröffentlicht worden sind (EMI 2 08087 2).Die innere Ruhe und  Intensität, die ergreifende Schlichtheit und Aura ihrer Gestaltung waren
einzigartig und sichern ihr auf Dauer den Rang einer „idealen“ Mahler-Interpretin.

2007
Jury
 
 
 

Oswald Beaujean, München, Rémy Franck, Luxemburg, Prof. Dr. Günter Schnitzler, Freiburg, Götz Thieme, Stuttgart, Vorsitz: Attila Csampai, München

Kategorie A:
Wiederver-
öffentlichungen
 
 
 

Gustav Mahler: Symphonie Nr.1 D-dur und Nr. 9 D-dur
Israel Philharmonic Orchestra
Leitung: Paul Kletzki

Aufnahmen: Israel 1954 (Erstveröffentlichung: Angel 1955)
                     Doremi DHR 7850/51 (2 CD) mono
 
Einen vergessenen Mahler-Propheten der zweiten Generation hat Doremi ausgegraben: Der 1900 in Lodz geborene Paul Kletzki zählt zu den frühesten Schallplatten-Interpreten Mahlers und hat schon 1954 mit dem damals exzellenten Israel Philharmonic zwei wegweisende Einspielungen der 1. und 9. Symphonie aufgenommen, die dann bald aus den Katalogen verschwanden. Auch wenn die beiden Striche, die Kletzki im Finale der Ersten (24 Takte) und im zweiten Satz der Neunten (115 Takte) eigenmächtig vornahm, heute eher Unverständnis hervorrufen und auch die Tonqualität der Überspielung kaum heutigen Maßstäben entspricht, künden beide Dokumente von einer  Mahler-Leidenschaft, die es heute nicht mehr gibt, und die den stets unterschätzten Kletzki mit solchen Altersgenossen wie Mitropoulos, Horenstein oder Barbirolli verbindet. Seine Erste ist den grossen historischen Referenzen von Mitropoulos und Walter noch um einen Tick an jugendlichem Feuer, an altösterreichischer Wehmut, überlegen, während der Schlußsatz der sehr zügig gespielten Neunten an emotionaler Intensität, an verzweifelter Leidenschaft kaum zu überbieten ist. Ein wenig von diesem Herzens-Enthusiasmus wünschte man sich auch von den heutigen professionell-coolen Mahler-Dirigenten.
 
Kategorie B:
Neuproduktionen
 
 
 

Kein Preis

     
Sonderpreis
der Jury
 
 
 
Der Sonderpreis 2007 geht an das Chicago Symphony Orchestra für seine großen Verdienste um Mahlers Werk auf Schallplatten unter Dirigenten wie Fritz Reiner, Georg Solti, Carlo Maria Giulini, Claudio Abbado und Pierre Boulez. Viele dieser Aufnahmen sind geprägt von dem zu Recht berühmten, extrem transparenten, konturenscharfen und von einem brillanten Bläser-Satz getragenen "Chicago Sound". Insbesondere der Symphonien-Zyklus unter Sir Georg Solti enthält bahnbrechende Interpretationen, die maßgeblich zur Mahler-Rezeption beigetragen haben.
Die Neueinspielung der Dritten Symphonie unter Altmeister Bernard Haitink auf dem neu gegründeten Eigenlabel CSO-Resound (CSOR 901 701) setzt die große Mahler-Tradition des Chicago Symphony Orchestra eindrucksvoll fort.
 

2006
Jury
Oswald Beaujean, München; Lothar Brandt, Stuttgart; Dietmar Holland, München; Thomas Voigt, Köln;  Vorsitz: Attila Csampai
Kategorie A:
Wiederver-
öffentlichungen
Gustav Mahler: Symphonien 1-10, Das Lied von  der Erde
Laki, Quivar, Killebrew, Popp, Varady, Haggander, Venuti,   Howells, Frey, Titus, Vogel, Lipovsek, Heppner,   
Kölner Rundfunkchor, Südfunk Chor Stuttgart, Prager Philharmonischer Chor,
Frauenchor des Bayerischen Rundfunks, Knabenchor des Collegium Musicum, The Little Singers of Tokyo
Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester (des WDR)
Leitung: Gary Bertini (1927-2005)
Aufnahmen/incisioni: Köln, Tokyo  1984-1991
EMI 3 40238 2 (11 CDs)
Die Mahler-Gemeinde verdankt dem im März 2005 verstorbenen Dirigenten Gary Bertini unter anderem die bislang einzige überzeugende Schallplattenaufnahme der von C.M. von Weber unvollendet hinterlassenen und von Gustav Mahler fertig gestellten Oper "Die drei Pintos". Daneben hinterliessen vor allem die Live-Aufführungen des Mahler-Dirigenten Bertini in ihrer mitreissenden Emotionalität einen bleibenden Eindruck. Die in der prämierten Edition mit aufgenommenen vier Konzertmitschnitte aus Japan aus dem Jahr 1991 dokumentieren Bertinis Frische und Präzision nachdrücklich.
Doch auch die zwischen 1984 und 1991 beim WDR in Köln produzierten Studioaufnahmen zeigen in ihrer strukturellen Klarheit, in ihrer präzisen Balance von Dynamik und Tempowahl, sowie in der Offenlegung formaler Zusammenhänge einen Komponisten, der klar als "Zeitgenosse der Zukunft" zutage tritt. Obwohl der Mahler-Zyklus des 1928 in der Sowjetunion geborenen und bald nach Israel ausgewanderten Bertini spürbar nicht auf emotionale Extreme angelegt ist, belegen die Aufnahme doch in altersloser Klarheit das besondere Engagement und die "Herzensaffinität" Bertinis für Mahlers Musik.
 
Kategorie B:
Neuproduktionen
Gustav Mahler: Symphonie Nr.2 c-moll („Auferstehungssymphonie“)
 
Christine Schäfer, Sopran; Michelle DeYoung, Mezzosopran;
Wiener Singverein, Wiener Philharmoniker,
Leitung: Pierre Boulez
Aufnahme:
Wien, Musikverein, Grosser Saal, Mai-Juni 2005
Deutsche Grammophon 00289 477 6004
Ein bedeutsames Mahler-Projekt nähert sich seinem Ende: Zwölf Jahre nach dem Start seines (zweiten) Mahler-Zyklus ist der 81jährige Pierre Boulez bei der vorletzten Etappe angekommen: Und wie schon in den letzten beiden Folgen hat er nun  auch in der transzendierenden „Auferstehungs“-Symphonie seine intellektuell-analytische Lesart des metaphysischen Kolosses mit dem „authentischen“ Mahler-Ton der Wiener Philharmoniker kombiniert, so dass auch hier wieder (wie schon in der ähnlich grandiosen Dritten)  die Sinnlichkeit, Leidenschaft und Ichbezogenheit dieser Musik sehr schön die Balance halten mit der glasklaren Objektivität, dem Röntgenblick und dem trockenen Esprit des französischen Dirigenten. Boulez’ faszinierender struktureller „Durchblick“ läßt sogar die Wucherungen und Pathetismen Mahlers  in den Ecksätzen als stringente Notwendigkeiten erscheinen. Er bringt endlich Licht und Linie in das metaphysische Dunkel dieses eschatologischen Dramas und reduziert so auch das apokalyptische Bedrohungspotential: Das göttliche Strafgericht ist also weit weniger schlimm als uns eingetrichtert wurde. Folgerichtig legt Boulez mit seiner eminenten Klangdramaturgie auch den Weg des Finales frei – von der anfänglichen Schreckensfanfare bis zum völlig entschwindenden, immateriellen Schluss und verzichtet hier auf jegliche, nur dröhnende Apotheose: Sowohl die exzeptionelle Leistung der Wiener Philharmoniker als auch die intonationssichere Präsenz des Wiener Singvereins sorgen für ein schier überwältigendes Klangspektrum, das sich am Ende ganz ohne religiöse Implikationen als ein Akt klangsinnlicher Befreiung von jeglicher Erdenschwere begibt.
                                                                                                                
 
Sonderpreis
der Jury
Für die erste Video-Gesamteinspielung der Sinfonien Mahlers
unter Leonard Bernstein in den Jahren 1971-1976  bei Unitel
Gustav Mahler: Die Sinfonien. Das Lied von der Erde.
(+ Proben: Sinfonien Nr. 5 und 9, Das Lied von der Erde)
 
Armstrong, Baker, Ludwig, Mathis, Moser, Blegen, Baltsa, Mayr, Riegel, Prey, van Dam, Kollo; Wiener Sängerknaben, Wiener Singverein, Wiener Staatsopernchor, Edinburgh Festival Chorus
Wiener Philharmoniker, London Symphony Orchestra, Israel Philharmonic Orchestra
Dirigent:Leonard Bernstein
TV-Regie: Humphrey Burton, Tony Palmer (Unitel 1971-76)
Deutsche Grammophon 9 DVD 0040 073 4088
 
 
 


Nicht nur als weltweit erste Gesamtaufnahme aller Mahler-Sinfonien auf DVD ist diese Ausgabe von singulärem Wert. Vor allem vervollständigt sie das Bild des großen Mahler-Dirigenten Leonard Bernstein. Sie dokumentiert seine Arbeit zwischen dem frühen Zyklus aus New York (CBS 1960-68) und der späteren Gesamtaufnahme für die DG (1985-90) und zeigt über weite Strecken, dass man Bernstein  auch SEHEN muss, um seine Bedeutung in der Geschichte der Mahler-Interpretation vollständig ermessen zu können. Bei kaum einem anderen großen Dirigenten erscheint das sichtbare Handwerk des Dirigierens und der visuelle Teil des Musizierens so wichtig für den Gesamteindruck der Interpretation. Trotz teilweise unbefriedigender Kameraführung (störend oft werden die Instrumente, die gerade „dran“ sind, in Nahaufnahmen eingeblendet) zeigen die Filme von Humphrey Burton und Tony Palmer, warum Bernstein zu den leidenschaftlichsten und intensivsten Mahler-Interpreten zählte. Besonders eindringlich sind die Proben-Mitschnitte (Sinfonien Nr. 5 und 9, Lied von der Erde): Ein Besessener auf der ständigen Suche nach dem emotionalen Druckpunkt der Musik. Da die DVD-Edition zudem größtenteils Aufnahmen enthält, die es vorher nicht auf LP oder CD gab, kann sie auch losgelöst von der „Optik“ einen Sonderrang in der Mahler-Diskographie beanspruchen.

 
 
 

2005
Jury
Lothar Brandt, Stuttgart; Rémy Franck, Luxemburg; Dr. Jörg Hillebrand, Köln; Günter Schnitzler, Freiburg. Vorsitz: Attila Csampai
Kategorie A:
Wiederver-
öffentlichungen
Bruno Walter - The Original Jacket Collection
Gustav Mahler: Sinfonien Nr. 1, 2, 4, 5, 9, Das Lied von der Erde, Lieder und Gesänge eines fahrenden Gesellen und Gesänge aus der Jugendzeit, Lieder eines fahrenden Gesellen (+ Werke von Bruckner und Wagner)
Columbia Symphony Orchestra, New York Philharmonic Orchestra, diverse Chöre und Solisten
Aufnahmen:1945-1961 (mono und stereo)
Sony BMG SX13K 92460 (13 CDs)
Bruno Walter (1876-1962) zählt zu den bedeutendsten Mahler-Interpreten der ersten Generation. Er stand Mahler nicht nur als Assistent am Hamburger Stadttheater und später an der Wiener Hofoper zur Seite, sondern wurde in Mahlers letzten Lebensjahren zu einem seiner engsten Vertrauten. Nach dem Tod seines Mentors dirigierte Walter die Uraufführungen des „Lied von der Erde“ und der 9.Symphonie, und blieb dann, mehr als fünfzig Jahre lang, die entscheidende Autorität bei der mühsamen Durchsetzung seines Werks.
Die jetzt in der „Original Jacket Collection“ bei Sony Classical erschienene, vorzüglich edierte 13-CD-Box enthält jeweils die spätesten Aufnahmen des „Lied von der Erde“, sowie der Ersten, Zweiten und Neunten Symphonie, dazu die jeweils einzigen offiziellen Einspielungen der Vierten und Fünften Mahlers, die Walter zwischen 1947 und 1961 für die amerikanische Columbia produzierte. Sie genießen noch heute Referenzstatus. Das offizielle Mahler-Vermächtnis Walters erklingt hier in Ausgaben „von letzter Hand“, technisch exzellent überspielt und mit den verkleinerten Original-LP-Covers versehen. Als Bonus-Tracks gibt es Probenmitschnitte des ersten Satzes der Neunten, sowie rare Dokumente des Klavierbegleiters Walter, dazu ein Interview  aus dem Jahr 1956. Die mit einem 90seitigen Booklet ausgestattete Edition wird komplettiert mit Aufnahmen Walters von drei Bruckner-Symphonien und des Te Deums sowie Orchesterstücken von Richard Wagner.
Kategorie B:
Neuproduktionen
Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 6 a-moll
Berliner Philharmoniker
Leitung: Claudio Abbado
 
Live-Mitschnitt Berlin, Philharmonie Juni 2004
Universal/Deutsche Grammophon 00289 477 5684 (2 SACDs)
 
 
 
 

Claudio Abbados zweite Aufnahme von Mahlers 6.Sinfonie nach 1979 basiert auf einem Berliner Konzert im Juni 2004: Es war die erste Rückkehr Abbados ans Pult der Berliner Philharmoniker nach seinem Abschied als Chefdirigent im Jahr 2002. Insbesondere die parallel zur CD veröffentlichte DSD-Mehrkanalversion auf Super Audio CD vermittelt ein realistisches Abbild der Raumakustik und der besonderen Atmosphäre dieses Konzerts. Wie schon in seinen früheren Mahler-Interpretationen, bemüht sich Abbado auch bei der dämonischen Sechsten um ein hohes Maß an „Objektivität“ und legt mit präziser emotionaler Kontrolle die strengen Architekturen, aber auch die vielen „schönen Stellen“ und idyllischen Momente dieser lärmenden Symphonie des Grauens frei: Er versucht, hinter der Maske des Horrors die tief positiven Fundamente der Mahlerschen Philosophie herauszuarbeiten. Daß eine solche Vergeistigung der „Schrecken der Wirklichkeit“ die theatralischen Aspekte dieses stark ichbezogenen Werks in den Hintergrund rückt, ist fast unvermeidlich, doch Abbado zieht es vor, vier Episoden des Mahlerschen Gedankenkosmos minutiös auszuleuchten, als uns mit Schrecken und Pathos zu überrumpeln. So bezieht er eine sehr überzeugende, eigenständige, tiefschürfend-ernsthafte Gegenposition zu der bei diesem Werk  vorherrschenden romantisch-drastischen Aufführungstradition und enthüllt dessen strukturelle Modernität.

Sonderpreis
der Jury
Gustav Mahler: Sinfonien 1-9
Royal Concertgebouw Orchestra
Sinfonie Nr. 10 (Fassung Deryck Cooke)
Radio-Sinfonieorchester Berlin
Diverse Chöre und Solisten
Leitung: Riccardo Chailly
 
Aufnahmen: 1988-2004
Universal/Decca 475 6686 (12 CDs)
 
 
 
 

Just mit Mahlers großer Abschiedssymphonie beendete Riccardo Chailly im Juni 2004 sein 16jähriges Wirken beim Amsterdamer Concertgebouworkest und brachte damit zugleich seinen in jeder Beziehung vorbildlichen und bereits 1986 in  Berlin in Angriff genommenen Mahler-Zyklus zu einem wirklich krönenden Abschluß. Denn auch in dieser letzten Folge seines „für die Ewigkeit“ konzipierten Mahler-Unternehmens bleibt der opernerfahrene Italiener seiner ästhetischen Grundlinie treu, und kultiviert ganz bewusst die Schönheiten und die melodischen Sogkräfte der Mahlerschen Orchesterpolyphonie. Das hat nichts mit platter Schönfärberei zu tun, sondern vielmehr mit der weisen Erkenntnis, dass Mahlers komplexe Weltsicht keines zusätzlichen intellektuellen „Drucks“ von außen bedarf, und man folglich mit einer solchen durchaus romantischen und   ungemein sorgfältigen Annäherung über den Wohllaut des Tiefempfundenen  und bedächtig Ausformulierten viel weiter einzudringen vermag auch in die Abgründe von Mahlers Seelenseismographie . Trotz einer für heutige Begriffe unglaublich langen Entstehungszeit von fast 20 Jahren präsentiert sich Chaillys Mahler-Zyklus im Zusammenhang wie aus einem Guss: In seiner bedächtigen interpretatorischen Genese dokumentiert er zudem in durchwegs akustisch hochwertigen Klangbildern Chaillys eigenen Reifeprozeß zu einem bedeutenden Mahler-Dirigenten.

2004
Jury
Rémy Franck, Luxemburg; Dietmar Holland, München; Paolo Petazzi, Mailand; Gregor Willmes, Köln
Vorsitz: Attila Csampai, München
 
Kategorie A:
Wiederver-
öffentlichungen
Gustav Mahler:  Symphonie Nr. 1 D-dur („Der Titan“)
                        NDR Sinfonieorchester Hamburg
                        Leitung: Kyrill Kondraschin
 
Aufnahme: Konzertmitschnitt 7. März 1981, Concertgebouw Amsterdam (Erstveröffentlichung: 2004)
EMI  5 62856 2 0
Kategorie B:
Neuproduktionen
Gustav Mahler:  Symphonie Nr.6 a-moll
                        London Symphony Orchestra
                        Leitung: Mariss Jansons
 
Aufnahme:
Live Recording, London, Barbican Hall November 2002
LSO live 0038 (2CD) Vertrieb: Note 1
Sonderpreis
der Jury
Gustav Mahler: Sämtliche Lieder aus “Der Knaben Wunderhorn”
in der Fassung für Singstimme und Klavier
Diana Damrau, Sopran; Iván Paley, Bariton; Stephan Matthias Lademann, Klavier
 
Aufnahme: Mai & September 2003, Mechernich, Deutschland
telos music vocal TLS 1001 (2 CD) Vertrieb: Klassik Center Kassel

 
 
 

2003
Jury

Martin Anderson London
Lothar Brandt, Stuttgart
Joel Lazar, Washington D.C.
Thomas Voigt, Köln
Vorsitz: Prof. Attila Csampai, München

 

 
Kategorie A:
Wiederver-
öffentlichungen

Gustav Mahler:  Symphonie Nr. 6
                       Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester WDR
                       Leitung: Dimitri Mitropoulos
    
Aufnahme: 31.August 1959, WDR, Köln, Live Studio Recording
Veröffentlicht 2003 („Great Conductors of the 20th Century“)
IMG Artists/EMI 5 75471 2  (2CD)

Kategorie B:
Neuproduktionen

Gustav Mahler:  Symphonie Nr.1 und Nr.9
                          Oslo Philharmonic Orchestra
                          Leitung: Mariss Jansons

Aufnahme: 27./28.Oktober 1999 (Nr.1); 13./14. Dezember 2000 (Nr.9): Livemitschnitte Oslo Concert Hall
Veröffentlicht 2003
SIMAX PSC 1270  (2CD)

Sonderpreis
der Jury
an Bruno Walter (1876-1962)
Bruno Walter war wichtigste künstlerische Sachwalter der Musik Mahlers im 20. Jahrhundert. Er stand ihm nicht nur als Assistent am Hamburger Stadttheater und an der Wiener Hofoper zur Seite, sondern wurde in Mahlers letzten Lebensjahren zu einem seiner engsten Vertrauten. Nach dem Tod seines Mentors  dirigierte Walter die Uraufführungen des „Lieds von  der Erde“ und der neunten Symphonie, und blieb dann, mehr als fünfzig Jahre lang die entscheidende Autorität bei der mühsamen Durchsetzung seines Werks. Walters einzigartiges Gespür für den „authentischen“ Mahler-Ton dokumentieren nicht nur die beiden legendären Wiener Schallplatten-Premieren der von Walter uraufgeführten Werke in den Jahren 1936 und 1938, sondern auch zahlreiche später in Amerika und dann auch wieder in Wien dirigierte Aufführungen der Sinfonien I, II, IV, V und IX, die in zahlreichen Schallplatten-Dokumenten vorliegen und so Walters einzigartige Mahler-Kompetenz ein für allemal festhalten.


2002
Jury
Präsident : Attila Csampai, München
Ludwig Flich, Wien
Rémy Franck, Luxemburg
Michael Stegemann, Steinfurt
Norbert Christen, München
Kategorie A:
Wiederver-
öffentlichungen
Symphonie Nr. 9
Wiener Philharmoniker
Dir. Bruno Walter
Naxos historical 8.110852
(Aufnahme: 16.01.1938, veröff. 04/2002)
Kategorie B:
Neuproduktionen
Symphonie Nr. 5
Philharmonia Orchestra
Dir. Benjamin Zander
(+Bonus CD: Zander discusses Mahler’s 5th Symphony)
Telarc 2SACD-60569 (Hybrid-Multichannel-SACD)
Telarc 2CD-60569 (Stereo-CD)
(Aufnahme: 08/2000, veröff. 2001)
Sonderpreis
der Jury
an Claudio Abbado
für seinen langjährigen künstlerischen Einsatz für das Werk Gustav Mahlers, und insbesondere für seinen bei Universal/Deutsche Grammophon eingespielten Mahler-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern, dem Chicago Symphony Orchestra und den Berliner Philharmonikern, ebenso für seine drei zuletzt veröffentlichten Live-Dokumente der Symphonien III, VII und IX.
Abbados Interpretationsstil ist gekennzeichnet durch einen hohen Grad an Partiturtreue, ohne je akademisch zu wirken und im Analytischen zu verharren, zeichnet sich andererseits durch kontrollierte Emphase aus, verzichtet also auf jegliche Übertreibungen und Exaltationen.
2001
Jury
Präsident : Attila Csampai, München
Lothar Brandt, Stuttgart
Peter Cossé, Salzburg
Simon Foster, London
Reinmar Wagner, Basel
Kategorie A:
Wiederver-
öffentlichungen
Symphonie Nr. 4 G-dur
Lisa della Casa
Chicago Symphony Orchestra
Dir. Fritz Reiner
BMG/RCA Victor 09026 63533 2
(Aufnahme Dez. 1958, veröff. 2000)
Kategorie B:
Neuproduktionen
Symphonie Nr. 3 d-moll
Dagmar Pecková
Frauen des Rundfunkchors Berlin
Knabenchor Hannover
Deutsches Symphony-Orchester Berlin
Dir. Kent Nagano
Teldec 8573-82354-2
(Aufnahme 1999)
Sonderpreis
der Jury
an Ward Marston für seine hervorragende Restaurierung und CD-Edition der Symphonie Nr.2 in der 1924 entstandenen ersten Gesamtaufnahme mit dem Orchester der Berliner Staatsoper unter der Leitung von Oskar Fried, sowie der „Kindertotenlieder“ aus dem Jahr 1928 unter Jascha Horenstein im Rahmen der Edition „Great Conductors“ bei Naxos Historical Naxos 8.110152-53 (veröffentlicht 2001)
2000
Jury
Präsident : Attila Csampai, München
Christoph Schlüren, München
Gregor Willmes, Köln
Jonathan Carr, Königswinter
Andrea Meuli, Zürich
Kategorie A:
Wiederver-
öffentlichungen
Das Lied von der Erde
Alfreda Hodgson, John Mitchinson,
BBC Northern Symphony Orchestra
Dir. Jascha Horenstein BBC Legends – BBCL 4042-2 (Aufnahme 1972)
Kategorie B:
Neuproduktionen
Symphonie Nr.7
London Symphony Orchestra,
Dir. Michael Tilson Thomas
BMG/RCA 09026 635102
(Aufnahme 1997)
Sonderpreis
der Jury
an Otto Klemperer (1885-1973) für sein Lebenswerk im Dienste Mahlers und für seine Einspielungen der Sinfonien 2, 4, 7, 9 und des „Lied von der Erde“ bei EMI
1999
Jury
Präsident : Attila Csampai, München
Dietmar Holand, München
Normann Lebrecht, 
Thomas Voigt,
Reinmar Wagner, Basel
Kategorie A:
Monoaufnahmen
Symphonie Nr. 8
Mimi Coertse, Hilde Zadek, Lucretia West, Ira Malaniuk, Giuseppe Zampieri, Hermann Prey, Otto Edelmann. Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde, Wiener Sängerknaben, Wiener Philharmoniker, Dir. Dimitri Mitropoulos
ORFEO C 519 992 B 
(Live-Mitschnitt: Salzburger Festspiele 1960)
Kategorie B:
Stereoaufnahmen
Symphonie Nr. 3 
Kerstin Meyer, Ladies of the Hallé Choir, Boys of Manchester Grammar School, Hallé Orchestra
Dir. John Barbirolli
BBC Legends BBCL 4004- 7 (Aufnahme 1969)
Kategorie C:
Neuproduktionen
Symphonie Nr. 9
The Cleveland Orchestra
Dir. Christoph von Dohnányi
DECCA 458 902-2 (Aufnahme 1997)
Sonderpreis
an das New York Philharmonic Orchestra für seine große Mahler-Tradition und die CD-Dokumentation „The Mahler Broadcasts 1948-1982“ mit den Dirigenten John Barbirolli, Zubin Mehta, Pierre Boulez, Klaus Tennstedt, Dimitri Mitropoulos, Rafael Kubelik, Bruno Walter, Leopold Stokowski, William SteinbergNew York Philharmonic Special Editions NYP 9801-9812 (12 CD)
1998
Jury
Präsident : Attila Csampai, München
Lothar Brandt, Stuttgart
Ludwig Flich, Wien
Remy Franck, Luxemburg
Andrea Meuli, Zürich
Kategorie A:
Monoaufnahmen
Symphonie Nr. 1
New York Philharmonic Orchestra,
Dir. Bruno Walter
Sony Masterworks Heritage 63328
(Aufnahme 1954)
Kategorie B:
Stereoaufnahmen
Symphonie Nr. 2 („Auferstehungssymphonie“)
Heather Harper, Janet Baker, Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Dir.Otto Klemperer
EMI 5 6686 7-2 (Aufnahme 1965)
Kategorie C:
Neuproduktionen
Symphonie Nr. 4
Amanda Roocroft, City of Birmingham Symphony Orchestra, Dir. Simon Rattle
EMI 5 56563-2 (Aufnahme 1997)
Sonderpreis
an Georg Solti (1912-1997)für seinem musikalisch, wie akustisch bahnbrechenden ersten Mahler-Zyklus mit dem Chicago Symphony Orchestrabei Decca
1997
Jury
Präsident: Attila Csampai, München
Volkmar Fischer
René Karlen
Paolo Petazzi
Ulrich Schreiber
Kategorie A:
Monoaufnahmen
Das Lied von der Erde
Kerstin Thorborg, Carl Martin Öhmann,
Concertgebouw Orchestra, Dir. Carl Schuricht archiphon ARCH-3.1 (Live-Mitschnitt 1939)
Kategorie B:
Stereoaufnahmen
Symphonie Nr. 7
SWF-Sinfonieorchester Baden-Baden
Dir. Michael Gielen
Intercord INT 860.924 (Aufnahme 1993)
Kategorie C:
Neuproduktionen
Kein Preis
Sonderpreis
an den Jazz-Pianisten und Komponisten Uri Caine für seinen neuen, unkonventionellen Weg der Verknüpfung von Mahlers Botschaften mit der rauhen, polyglotten, anarchischen Stilvielfalt des zeitgenössischen amerikanischen Jazz. 
(Winter & Winter/ edel 910 004-2)
1996
Jury
Präsident : Attila Csampai, München
Andrea Meuli, Zürich
Karl Breh, Karlsruhe
Klaus Bennert, München
Hendrik Haubold, Hamburg
Kategorie A:
Monoaufnahmen
Symphonie Nr. 1
Minneapolis Symphony Orchestra,
Dir. Dimitri Mitropoulus
Grammofono 2000 AB 78566
(Aufnahme 1940)
Kategorie B:
Stereoaufnahmen
Symphonie Nr. 3
Jessye Norman,Wiener Philharmoniker, Wiener Staatsopernchor, Wiener Sängerknaben, 
Dir.Claudio Abbado
DG 410 715-2 (Aufnahme 1980)
Kategorie C:
Neuproduktionen
Symphonie Nr. 7
Royal Concertgebouw Orchestra,
Dir. Riccardo Chailly
Decca 444 446-2
(Aufnahme 1995)
Sonderpreis
an Rafael Kubelik (1914-1996)für seinen jahrzehntelangen künstlerischen Einsatz für das Werk Mahlers, und insbesondere für seine wegweisende Gesamteinspielung der Symphonien Mahlers mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bei der DG
1995
Jury
Präsident : Attila Csampai, München
Peter Girth, Darmstadt
Yves Petit de Voize, Paris
Reinhard Schulz, München
Cornelius van Zwol, Amersfoort
Kategorie A:
Monoaufnahmen
Mahler plays Mahler
The Welte Mignon Piano Rolls
The Kaplan Foundation GLRS 101
(Aufnahme 1905, rekonstuiert und komplettiert 1992)
Kategorie B:
Stereoaufnahmen
Symphonie Nr. 7
Royal Concertgebouw Orchestra,
Dir. Bernard Haitink
Philips 410 398 (Aufnahme 1982)
Kategorie C:
Neuproduktionen
Symphonie Nr. 1 (+Blumine)
Florida Philharmonic, Dir. James Judd
harmonia mundi France 907 118
(Aufnahme 1993)
Sonderpreis
An das Royal Concertgebouworkest Amsterdam für seine große Mahler-Tradition und seine jahrzehntelangen, kontinuierlichen Schallplatten-Aktivitäten zur Verbreitung des Mahlerschen Oeuvres
1994
Jury
Präsident : Attila Csampai, München
Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurt
Oswald Beaujean, München
Josef Lanz, Bozen
Enzo Restagno, Turin
Kategorie A:
Monoaufnahmen
Symphonie Nr. 1
London Philharmonic Symphony Orchestra,
Dir. Hermann Scherchen
Westminster XWN 18014
(Aufnahme 1954)
Kategorie B:
Stereoaufnahmen
Symphonie Nr. 4
Judith Raskin, Cleveland Orchestra
Dir. George Szell
Sony/CBS MK 42416 (Aufnahme 1965)
Kategorie C:
Neuproduktionen
Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“ in der Original- Version für Klavierbegleitung Thomas Hampson, Bariton; Geoffrey Parsons, Klavier Teldec 9031-74726 (Aufnahmen 1991 und 1993)
Sonderpreis
an Dimitri Mitropoulos (1896-1960)für seinen Einsatz für Gustav Mahler und seine fulminante Mahler Diskographie
1993
Jury
Präsident : Attila Csampai, München
Norman Lebrecht, London
Joachim Matzner, München
Alberto Rizzuti, Turin
Michael Stegemann, Steinfurt
Kategorie A:
Monoaufnahmen
Symphonie Nr. 4
Jo Vincent, Concertgebouw Orchestra,
Dir. Willem Mengelberg
Philips 426 108 (Aufnahme 1939)
Kategorie B:
Stereoaufnahmen
Symphonie Nr. 9London Symphony Orchestra,
Dir. Jascha Horenstein
Music & Arts 235 (Aufnahme 1966)
Kategorie C:
Neuproduktionen
Symphonie Nr. 3
Linda Finnie, Royal Scottish Orchestra & Chorus
Dir. Neeme Järvi
Chandos CHAN 9117/8 (Aufnahme 1991)
Sonderpreis
an John Barbirolli (1899-1970)für seinen Mahler-Einsatz, insbesondere die Einspielungen der 4., 5,. 6. und 9. Symphonie 
1992
Jury
Präsident : Attila Csampai, München
Peter Cossé, Salzburg
Constantin Floros, München
Dietmar Holland, München
Paolo Petazzi
Kategorie A:
Monoaufnahmen
Symphonie Nr. 7
Orchester der Wiener Staatsoper
Dir. Hermann Scherchen
Westminster WAL 211 (1953)
Kategorie B:
Stereoaufnahmen
Symphonie Nr. 6
Chicago Symphony Orchestra, Dir. Georg Solti
Decca 430 804 (Aufnahme 1970)
Kategorie C:
Neuproduktionen
Symphonie Nr. 9
Berliner Philharmoniker, Dir. Leonard Bernstein
DG 435 378 (Aufnahme 1979/veröffentlicht 1992)
Sonderpreis
an Jascha Horenstein (1898-1973)für Verbreitung der Werke Mahlers, insbesondere seine Aufnahmen der Symphonien Nr.1,3 und 9
1991
Jury
Präsident : Attila Csampai, München
Luigi Bellingardi
Henry-Luis de La Grange
Max Nyffeler
Edward Seckerson
Ulrich Schreiber
Kategorie A:
Monoaufnahmen
Das Lied von der Erde
K. Ferrier, J. Patzak, Wiener Philharmoniker
Dir. Bruno Walter
Decca 414 194 (Aufnahme 1952) 
Kategorie B:
Stereoaufnahmen
Symphonie Nr. 9
New Philharmonia Orchestra, Dir. Otto Klemperer
EMI CMS 7 63277 2 (Aufnahme 1967)
Kategorie C:
Neuproduktionen
Kein Preis
Sonderpreis
an Leonard Bernstein (1918-1990) für beide Mahler-Schallplatten-Zyklen bei Sony/CBS und DG

 
 

2009
Jury
 
 
 

Lothar Brandt, Stuttgart, Dr. Andreas Grabner, Nürnberg, Thomas Schulz, München, Götz Thieme, Stuttgart
Vorsitz: Attila Csampai, München

Kategorie A:
Wiederver-
öffentlichungen
 
 
 
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 6 a-moll
London Philharmonic Orchestra
Leitung: Klaus Tennstedt
Aufnahme: London, 22. August 1983, Royal Albert Hall (Live-Mitschnitt BBC Radio 3) Erstveröffentlichung
                                       
LPO – 0038/ Vertrieb: Naxos (2 CDs , 83’53)
Klaus Tennstedts Londoner Konzertaufführung der Sechsten wurde am 22 August 1983 live in  BBC Radio 3 gesendet und verschwand danach im Archiv. Jetzt hat ihn das London Philharmonic Orchestra wieder ausgegraben und auf seinem neugegründeten Eigenlabel LPO veröffentlicht – und die späte CD-Premiere zählt auf alle Fälle zu den eindrucksvollsten Mahler-Dokumenten des 1998 verstorbenen deutschen Dirigenten: Wer die nur vier Monate zuvor entstandene „offizielle“ EMI-Studioproduktion derselben Symphonie kennt, die nur drei Minuten mehr beansprucht, aber deutlich elegischer wirkt, wird überrascht  sein von der unglaublichen Suggestivität und der glühenden Ausdruckskraft des Live-Mitschnitts, der erneut die ganz besondere persönliche Aura dieses ungewöhnlichen Musikers unterstreicht: Als Interpret folgt Tennstedt strikt dem hermeneutischen Ansatz Alma Mahlers, die diese Symphonie als „sein allerpersönlichstes und ein prophetisches obendrein“ deklariert hatte, also als genialische Vision seines eigenen unglücklichen Schicksals, und so setzt Tennstedt alles daran, dieses innere Programm einer tragischen Heldensymphonie so drastisch und so leidenschaftlich wie nur möglich und in seiner ganzen negativen Monumentalität vor dem Hörer auszubreiten, und ihn so emotional zu erschüttern. Der programmatisch-erzählerische Grundzug seines Mahler-Verständnisses ist dabei von einer grossen inneren Lauterkeit, tiefem Ernst und echtem Mitgefühl, getragen, so dass dieser schmerzliche Alptraum (insbesondere im Finale) niemals in die Gefahrenzone des Theatralischen oder Effektvollen abdriftet: Tennstedt ist kein Ästhet des Grauens und auch kein wilder Dramatiker, sondern ein Schmerzensmann und Wahrheitssucher, der dem Schicksal, dem Tragischen geradewegs ins Auge blickt – und so in der Sechsten zu eher unbequemen, fast trostlosen Ergebnissen kommt, die aber die inneren Dimensionen dieses Meisterwerks tiefer, bizarrer ausleuchten, als viele andere auf Wirkung getrimmte Aufführungen.
Kategorie B:
Neuproduktionen
 
 
 
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 9
Bamberger Symphoniker (Bayerische Staatsphilharmonie)
Leitung: Jonathan Nott
Aufnahme: Bamberg, Konzerthalle, September 2008 (in Koproduktion mit BR-Klassik)
Tudor 7162/ Vertrieb: Naxos  (2 Hybrid-SACDs, 83’30)
 
Pünktlich zum 100. Geburtstag von Mahlers 9.Symphonie haben Jonathan Nott und seine Bamberger Symphoniker der umfangreichen Diskographie eine sehr ausdrucksstarke und bewegende Interpretation hinzugefügt, die die überbordernde Komplexität und den janusköpfigen Charakter dieses enigmatischen Werks mit beschwörender Intensität und einem guten Gespür für die altösterreichischen Tonfälle ausleuchtet und dabei auch die unerhörte „Modernität“ des Mahlerschen  Spätstils als Weiterentwicklung seines Kernthemas vom ewigen Kreislauf des Lebens und von der Allmacht der Liebe deutet. Auf der Basis eher bedächtiger Tempi in den Weltschmerz-erfüllten Ecksätzen gelingt Nott mit seinen hochmotivierten Bamberger Symphonikern ein musikalischer Appell von bezwingender innerer Logik, der bei aller überbordenden Komplexität und aller verwirrenden Vielstimmigkeit stets verständlich bleibt und niemals seinen humanen Seelenmotor - nämlich Mahlers Menschenliebe – verleugnet. So wirken hier auch die „Todesahnungen“ und der grosse Abschiedsschmerz des Adagio-Finales durchglüht von Mahlers grossem Liebesappell, und so ganz ins Welthaft-Objektive gehoben, wo sie letztlich Zuversicht und einen ruhenden Hoffnungsschimmer verströmen, die Schreckensvisionen des vorangehenden Burleske korrigierend. Die in Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk entstandene exzellente Mehrkanalproduktion unterstützt auch in ihrer beeindruckenden akustischen Wucht und Transparenz den emphatischen Ansatz des Dirigenten.  
Sonderpreis
der Jury
 
 
 
 
Gustav Mahler. Symphonie Nr.4 G-dur / arr. von Erwin Stein
(+ A. Schönberg: Sechs Orchesterlieder op.8 / arr. von H. Eisler und E. Stein)
Laure Delcampe, Sopran;
Oxalys
(Shirly Laub, Frédéric d’Ursel, Violine; Elisabeth Smalt, Viola; Martijn Vink, Cello; Koenrad Hofman, Bass; Toon Fret, Flöte; Piet van Bockstal,Oboe; Nathalie Lefévre, Klarinette; Thomas Dieltjens, Klavier; Dirk Luijmes, Harmonium; Gabriel Laufer, Bart Vanderbecke, Schlagzeug)
 
Aufnahme: Brüssel, 21.-24. Juli 2008
Fuga libera FUG 548  (CD, 77’22)
 
Eine interessante Alternative zu Mahlers Originalpartitur der Vierten bietet das 1993 in Brüssel gegründete Kammer-Ensemble Oxalys, das 2008 ein postumes Arrangement der Sinfonie für 12 Kammermusiker in lupenreiner Intonation und mit viel Wiener Charme und Biss eingespielt hat: Die Bearbeitung wurde 1921 von Erwin Stein,  dem damaligen Leiter des von Arnold Schönberg ins Leben gerufenen „Vereins für musikalische Privataufführungen“ angefertigt, um diese damals von großen Orchestern kaum gespielte „moderne“ Musik wenigstens einem kleineren Kreis von Fachleuten und Enthusiasten zugänglich zu machen. Der Reiz der mit Harmonium plus Klavier und Schlagzeug operierenden Salon-Version liegt in ihrer kristallinen Klarheit und kontrapunktischen Transparenz, die etwa auch die massiven ironischen Untertöne Mahlers  wesentlich deutlicher hervortreten lässt als in so vielen stromlinienförmigen Einspielungen in Originalbesetzung. Gerade Kenner der Materie werden in der überaus prägnanten und  kakanisch-süffisanten Interpretation der jungen belgischen Truppe und dem frischen Sopran von Laure Delcampe einige Überraschungen erleben – im Bezug auf Mahlers raffinierte Polyphonie, die jetzt wie auf einem Präsentierteller konturenreich heraustritt. Auf der anderen Seite kann ein lediglich auf fünf Solisten reduzierter Streichersatz die ätherische Flimmern und das schwebende „Himmelsblau“ des Originals nur schwerlich wiedergeben – hier befinden wir uns unweigerlich in einem geschlossenen Wiener Salon, mit festem Dach darüber, und können von dem offenen „Himmel“ Mahlers nur träumen.  
 

 

2007
Jury
 
 
 

Oswald Beaujean, München; Prof. Dr. Günther Schnitzler, Freiburg; Rémy Franck, Luxemburg; Götz Thieme Stuttgart;  Vorsitz: Attila Csampai, München

Kategorie A:
Wiederver-
öffentlichungen
 
 
 

Gustav Mahler: Symphonie Nr.1 D-dur und Nr. 9 D-dur

Israel Philharmonic Orchestra
Leitung: Paul Kletzki
 
Aufnahmen: Israel 1954 (Erstveröffentlichung: Angel 1955)
                         Doremi DHR 7850/51 (2 CD) mono
 
Einen vergessenen Mahler-Propheten der zweiten Generation hat Doremi ausgegraben: Der 1900 in Lodz geborene Paul Kletzki zählt zu den frühesten Schallplatten-Interpreten Mahlers und hat schon 1954 mit dem damals exzellenten Israel Philharmonic zwei wegweisende Einspielungen der 1. und 9. Symphonie aufgenommen, die dann bald aus den Katalogen verschwanden. Auch wenn die beiden Striche, die Kletzki im Finale der Ersten (24 Takte) und im zweiten Satz der Neunten (115 Takte) eigenmächtig vornahm, heute eher Unverständnis hervorrufen und auch die Tonqualität der Überspielung kaum heutigen Maßstäben entspricht, künden beide Dokumente von einer  Mahler-Leidenschaft, die es heute nicht mehr gibt, und die den stets unterschätzten Kletzki mit solchen Altersgenossen wie Mitropoulos, Horenstein oder Barbirolli verbindet. Seine Erste ist den grossen historischen Referenzen von Mitropoulos und Walter noch um einen Tick an jugendlichem Feuer, an altösterreichischer Wehmut, überlegen, während der Schlußsatz der sehr zügig gespielten Neunten an emotionaler Intensität, an verzweifelter Leidenschaft kaum zu überbieten ist. Ein wenig von diesem Herzens-Enthusiasmus wünschte man sich auch von den heutigen professionell-coolen Mahler-Dirigenten.
 
 
Kategorie B:
Neuproduktionen
 
 
 

Kein Preis

 
 
                                                                                                                
Sonderpreis
der Jury
 
 
 

Der Sonderpreis 2007 geht an das Chicago Symphony Orchestra für seine großen Verdienste um Mahlers Werk auf Schallplatten unter Dirigenten wie Fritz Reiner, Georg Solti, Carlo Maria Giulini, Claudio Abbado und Pierre Boulez. Viele dieser Aufnahmen sind geprägt von dem zu Recht berühmten, extrem transparenten, konturenscharfen und von einem brillanten Bläser-Satz getragenen "Chicago Sound". Insbesondere der Symphonien-Zyklus unter Sir Georg Solti enthält bahnbrechende Interpretationen, die maßgeblich zur Mahler-Rezeption beigetragen haben.

Die Neueinspielung der Dritten Symphonie unter Altmeister Bernard Haitink auf dem neu gegründeten Eigenlabel CSO-Resound (CSOR 901 701) setzt die große Mahler-Tradition des Chicago Symphony Orchestra eindrucksvoll fort.
 
 

  Gustav Mahler Musikwochen
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