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Aus
Briefen, die Mahler in Toblach schrieb
An Bruno Walter (Sommer 1908)
...Ich habe mich hier zunächst einzurichten versucht. Diesmal habe
ich nicht nur den Ort, sondern auch meine ganze Lebensweise zu
verändern. Sie können sich vorstellen, wie schwer mir letzteres
wird. Ich hatte mich seit vielen Jahren an stete und kräftige
Bewegung gewöhnt. Auf Bergen und in Wäldern herumzustreifen und in
einer Art keckem Raub meine Entwürfe davonzutragen. An den
Schreibtisch trat ich nur wie ein Bauer in die Scheune, um meine
Skizzen in Form zu bringen. Sogar geistige Indispositionen sind nach
einem tüchtigen Marsch (hauptsächlich bergan) gewichen. – Nun soll
ich jede Anstrengung meiden, mich beständig kontrollieren, nicht
viel gehen...
An Bruno Walter (Spätsommer 1908)
...Ich war sehr fleißig (woraus Sie ersehen, dass ich mich so
ziemlich „akklimatisiert“ habe). Ich weiß es selbst nicht zu sagen,
wie das Ganze benamst werden könnte. Mir war eine schöne Zeit
beschieden und ich glaube, dass es wohl das Persönlichste ist, was
ich bis jetzt gemacht habe („Das Lied von der Erde“). Davon
vielleicht mündlich...
An
Alma Mahler (Juni 1909)
...Halt den Kopf oben, Almschi! Das belohnt sich sicher, glaub mir,
der darin eine große Erfahrung hat. – Ich schreibe dies am Fenster
meines Schlafzimmers, das diesen herrlichen Blick auf die Wiesen hat
(daneben ist es mir entschieden zu kalt). Die Sonne kommt jetzt
hervor und schon flattern die Falter draußen und heben die Blumen
die Köpfe hoch – die es alle jetzt zwei Tage sehr schlecht gehabt
haben – und gewiß am Leben verzweifelt haben. Ein Sonnenblick und
weg ist alles Ungemach an Regen, Wind und Kälte...
An
den Physiker Arnold Berliner (Juni 1909)
...Ich bin mutterseelenallein in einem großen Hause, das unzählige
Zimmer und Betten umfaßt. Wie schade, dass alle Sommerpläne so
verfahren sind. Vor allem: Wann kommst Du zu uns? Ein gutes Bett in
einem angenehmen Zimmer und wundervolle Bücher, die Dir ganz neu
sein werden, findest Du jeder Zeit... Für die Stunden mit
Selbstmordgedanken wird denkbarste Ungestörtheit garantiert –
Nachmittage und Abende werden plaudernd, essend und spazierengehend
verbracht...Hier ist es wunderherrlich und repariert ganz sicher
Leib und Seele...
An
Alma Mahler (24. Juni 1909)
...Aber das Haus und der Platz ist zu wonnig – bis auf den Lärm, der
mich ohne Unterlaß geniert. Entweder flüstern die Bauern, dass die
Fenster klirren oder sie gehen auf den Fußspitzen, dass das Haus
wackelt. Die beiden munteren Stammhalter zwitschern den ganzen Tag:
Bibi! Bibi! (Das ist nämlich ihr Volapük und bedeutet: Alles) Der
Hund läßt mich auch wieder fühlen, dass ich „ein Mensch unter
Menschen bin“ und bellt täglich von Anbruch der Dämmerung bis in die
süßen Träume der Bauernjageln hinein. Ich komme alle Viertelstunden
auf gedenke der sanft Schnarchenden. – Hol es der Teufel: Wie schön
wäre die Welt, wenn man zwei Joch umzäunt hätte und mittendrin
allein wäre...
An
Bruno Walter (Spätsommer 1909)
... Sie haben für mein Stillschweigen den richtigen Grund erraten.
Ich war sehr fleißig und lege eben die letzte Hand an eine neue
Symphonie (IX. Symphonie). Leider gehen auch meine Ferien zu Ende –
und ich bin in der dummen Lage – wie seit jeher – auch wieder
diesmal, noch ganz atemlos, vom Papier weg in die Stadt und in die
Arbeit zu müssen. Das scheint mir nun einmal beschieden zu sein. Das
Werk selbst (soweit ich es kenne, denn ich habe bis jetzt nur blind
darauf los geschrieben und kenne jetzt – wo ich den letzten Satz
eben zu instrumentieren beginne – den ersten nicht mehr) ist eine
sehr günstige Bereicherung meiner kleinen Familie. Es ist da etwas
gesagt, was ich seit längerer Zeit auf den Lippen habe – vielleicht
(als Ganzes) am ehesten der IV. an die Seite zu stellen. (Doch ganz
anders.) Die Partitur ist bei der wahnsinnigen Eile recht
schleuderhaft und für fremde Augen wohl ganz unleserlich. Und so
möchte ich es sehnlichst wünschen, dass es mir heuer im Winter
gegönnt sein möge, eine Reinpartitur herzustellen...
An den Maler Carl Moll (Frühsommer 1910)
... Mama war so lieb, mir Zigaretten anzutragen. Ein paar Stück
würden mir sehr gut kommen, doch bitte ich in diesem Falle mit
Mundstück. Ich war riesig froh, ihren Brief zu haben; da ich seit
meiner Abreise nichts gehört hatte, so machte ich mir doch Gedanken
– hier ist’s wunderbar! Gerade jetzt! Du solltest mal auf einen
Sonntag herkommen; nur um das einmal zu sehen! Ich kann mir nicht
denken, dass ein Maler dieser Herrlichkeit nicht auch was abgewinnen
sollte. Mir geht es recht gut. Wie Du weißt, vertrage ich Einsamkeit
so gut wie ein Trinker den Wein...
An den Verleger Emil Hertzka (Anfang Juli 1910)
Da sitze ich also in meiner Einöde und fühle mich sehr wohl dabei.
(Auch der Darm ist ganz in Ordnung). Jedoch habe ich im Trubel der
diesmaligen Abreise vergessen mir irgendwelche Musik mitzunehmen.
Ich habe schon an die Edition telegrafiert. Doch möchte ich keine
Zeit versäumen, und bitte Sie, lieber Direktor, mir einstweilen
einige Cantaten von Bach, die H-moll Messe, von demselben, die
Walpurgisnacht v. Mendelssohn und ein paar Reger’sche Sachen, so
weit sie in der Edition erschienen sind, zu senden. Sind etwa bei
Ihnen die Messen von Haydn, Mozart und Schubert erschienen? Da bäte
ich auch um etliches davon...
An Alma Mahler (Sommer 1910)
Diese Briefe, die Mahler
seiner Frau aufs Nachttischchen legte, spiegeln eine eheliche Krise
und die Qualen beim Schaffen der X. Symphonie wider.
Mein
Liebling,
mein Saitenspiel
Komm banne die finstern Geister, sie umklammern mich, sie schleudern
mich zu Boden. Bleib mir, mein Stab, komm bald heute, damit ich mich
erheben kann. Ich liege darnieder und warte und frage stumm, ob ich
noch erlöst werden kann oder ob ich verdammt bin.
(17. August 1910)
Du süße Hand, die mich gebunden!
O holdes Band, das ich gefunden!
Mit Wollust fühl’ ich mich gefangen
Und ew’ge Sklaverei ist mein Verlangen!
O wonniger Tod in schmerzensvollen Stunden!
O Leben – sprieße auf aus meinen Wunden!
Mein
Lebensatem!
Ich habe die Pantöffelchen tausendmal abgeküßt und bin in Sehnsucht
an Deiner Türe gestanden. Du hast Dich meiner erbarmt, du Herrliche,
aber mich haben die Dämonen wieder gestraft, weil ich wieder an mich
und nicht an Dich, du Teuere, gedacht habe...
(Die
Briefstellen sind den Bänden Gustav Mahler Briefe, herausgegeben von
Alma Maria Mahler, Wien 1924, und Alma Mahler, Gustav Mahler,
Erinnerungen und Briefe, Amsterdam 1940, sowie der Neuen Zeitschrift
für Musik, Jg. 1974, Heft 9, entnommen) |