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Ugo Duse:
Die Toblacher „Trilogie“
Als Mahler
gezwungen war, seinen Abschied vom k.k. Hof-Operntheater in Wien
einzureichen, schloß er mit Heinrich Conried einen viermonatigen
Vertrag als Gastdirigent an der Metropolitan Opera in New York ab.
Man schrieb Anfang Juni 1907, und eines der bedeutendsten Kapitel
der Wiener Oper ging seinem Ende zu. In diesen Tagen erkrankte
Mahlers ältere Tochter; sie starb am 5. Juli. Am 6. Juli erlitt
seine Frau einen Zusammenbruch. Es wurde der Arzt des Dorfes, in dem
Mahler und seine Familie die Ferien verbrachten, gerufen. Dieser
Ferienort war seit mehreren Jahren Maiernigg in Kärnten. Dr.
Blumenthal konnte keine schwere Erkrankung bei Mahlers Frau
feststellen; als Mahler ihn scherzhaft aufforderte, auch ihn zu
untersuchen, stellte der Arzt einen beidseitigen angeborenen
Herzklappenfehler fest. Es hatte in Mahlers Familie zahlreiche
Herzerkrankungen gegeben, woraus zu schließen ist, dass
wahrscheinlich ein Erbfaktor mit im Spiel war. Obzwar der
Herzklappenfehler kompensiert war, wurde eine Änderung der
Lebensgewohnheiten erforderlich, hauptsächlich was die sportliche
Betätigung anging, der sich der Komponist widmete: Schwimmen und
Bergsteigen. Es wurde für notwendig erachtet, dass er sich daran
gewöhnte, immer längere Entfernungen zu gehen, aber in gleichmäßigem
Tempo.
In seiner
neurotischen abergläubischen Furcht wurde Mahler durch den Tod
seiner Tochter und die bei ihm festgestellte Herzkrankheit bestimmt,
Maiernigg von nun an zu meiden. So kam er nach Altschluderbach im
Pustertal, weniger als zwei Kilometer von Toblach entfernt. Er ließ
sich im Trenker-Hof nieder, einem großen abseits liegenden Haus
jenseits der Eisenbahnlinie Franzensfeste-Lienz-Wien. Offenbar war
seine Krankheit nicht sehr schwer, da er die Höhe von mehr als 1200
m vertrug (Mahler wird zwar an einer Herzkrankheit sterben, jedoch
an einer schleichenden, durch Streptococcus viridans hervorgerufenen
Endocarditis, die nicht mit seinem angeborenen Herzklappenfehler in
Zusammenhang stand). Doch er war immer von Hypochondrie beherrscht
gewesen; der Tod seiner Tochter fachte Schuldgefühle familiärer Art
wieder an, und er mußte sich wohl wie von jenen Schlägen getroffen
fühlen, die im letzten Satz seiner
6. Symphonie fallen.
Ein besiegter und resignierender Held. Diese seine Resignation
scheint im Lied von der Erde
auf, einem der Meisterwerke, die teils im Trenker-Hof
und teils in der kleinen Holzhütte, die nur 200 m vom Haus entfernt
mitten im Wald liegt, entstanden sind. Heute noch streift hin und
wieder der traurige Blick der Rehe, die sich in der Nähe aufhalten,
diese Hütte.
Im Spätsommer
1907 begann Mahler, die Texte chinesischer Dichter, die ihm einmal
sein Freund Theobald Pollack geschenkt hatte, zu vertonen. Er setzte
die Arbeit in den USA fort, ohne die spätere endgültige Reihenfolge
dieser Texte zu beachten, und im darauffolgenden Sommer stellte er
die Zwischenspiele fertig, die hie und da zwischen die sechs Lieder
eingestreut sind und die keinen geringen Anteil an der Größe dieses
Werkes haben, besonders jenes, das den Abschied einleitet.
Zur gleichen
Zeit beginnt Mahler mit der Komposition seiner
9. Symphonie. Nachdem er im Sommer 1909 an den Ort
zurückgekehrt war, den er jetzt als sein Refugium betrachtete,
beendete er diese Symphonie, die seine letzte vollendete Symphonie
sein sollte, und vervollständigte die Instrumentation des Liedes
von der Erde dort und während seines letzten Aufenthaltes in
Mähren.
Die Texte
dieses Zyklus, der nicht nur, weil Mahler es so wollte, sondern auch
aus strukturellen Gründen eine echte „Lieder-Symphonie“ ist, stammen
aus einer von Hans Bethge zusammengestellten Anthologie chinesischer
Lyrik, die mehrere Jahrhunderte chinesischer Literatur umfaßt. In
dieser Sammlung Die chinesische Flöte beeindruckte ihn am
meisten die Lyrik aus der T’ang –Zeit, was durch den Umstand
erwiesen ist, dass er nur Gedichte vertonte, die unter dieser
Dynastie geschrieben worden waren: vier von Li-Tai-Po, uns zwar
Das Trinklied vom Jammer der Erde, Von der Jugend, Von der
Schönheit, Der Trunkene im Frühling; eines von Tschang-Tsi,
Der Einsame im Herbst; eines von Mong-Kao-Jen, In Erwartung
des Freundes; und eines von Wang-Wie, Der Abschied des
Freundes. Die letzten beiden wurden zu einem Gedicht
verschmolzen.
Mahler kehrte
mit diesem Werk nach dem Rückert-Intermezzo zu seiner Technik der
Textbearbeitung zurück und tat dies in demselben Geist, der seine
oft drastischen Eingriffe bei den Liedern aus Des Knaben
Wunderhorn geprägt hatte. Diese Behauptung läßt sich am besten
belegen, wenn man die drei Eingriffe im Abschied vor Augen
führt, jenem Lied, das aus der Verschmelzung der Gedichte von
Mong-Kao-Jen und Wang-Wie entstanden ist. Nicht die Verschmelzung
ist nämlich das interessanteste Faktum bei der Bearbeitung durch den
Musiker: bei diesem letzten Lied sind die Änderungen von einer bis
dahin ungekannten Tiefe und Radikalität. In der Folge wird gezeigt,
wie sechs Verse des Gedichts von Mong-Kao-Jen abgeändert werden:
Originalfassung:
O sieh, wie eine Silberbarke schwebt
Der Mond herauf hinter den dunklen Fichten,
Ich spüre eines feinen Windes Wehn.
Der Bach singt voller Wohllaut durch das Dunkel
Von Ruh und Schlaf. Die arbeitsamen Menschen
Gehen heimwärts, voller Sehnsucht nach dem Schlaf.
Mahlers Fassung:
O sieh! Wie eine Silberbarke schwebt der Mond
am blauen Himmelssee herauf.
Ich spüre eines feinen Windes Weh’n
Hinter den dunklen Fichten!
Der Bach singt voller Wohllaut durch das Dunkel.
Die Blumen blassen im Dämmerschein.
Die Erde atmet voll von Ruh‘ und Schlaf.
Alle Sehnsucht will nun träumen,
die müden Menschen geh’n heimwärts,
um im Schlaf vergess’nes Glück
und Jugend neu zu lernen!
Die
Erweiterung dieser beiden Strophen wurde von Mahler unter
Zuhilfenahme von Versen vorgenommen, die er im Jahre 1884 in Kassel
geschaffen hatte. Insbesondere die letzten drei Verse wurden fast
zur Gänze wiederverwendet.
Außerdem
variiert er den Schluß der ersten Textfassung, indem er die letzte
Terzine folgendermaßen abändert:
Originalfassung:
Ich wandle auf und nieder mit der Laute
Auf Wegen, die von weichem Grase schwellen,
O kämst du, kämst du, ungetreuer Freund!
Mahlers Fassung:
Ich wandle auf und nieder mit meiner Laute
auf Wegen, die von weichem Grase schwellen.
O Schönheit, o ewigen Liebens, Lebens trunk’ne Welt!
Es ist
offensichtlich, dass die Streichung des letzten Verses der
Originalterzine den Gesamtgehalt des Gedichtes verändert. Nach
Verschwinden des „Ungetreuen“ ist auch die letzte Möglichkeit der
Ich-Bezogenheit verschwunden. Und weiter ersetzt Mahler das „Ich“
der ersten Strophe des anderen Gedichtes, jenes von Wang-Wie, durch
das „Er“ und verändert dadurch bruchlos die Erwartung in eine
Erwartung des Abschieds. Der tiefe Sinn dieses Abschieds ist in
jener Änderung zu suchen, die Mahler am Ende des Gedichtes von
Wang-Wie vornahm und die die letzte seines Lebens war.
Originalfassung:
Wohin ich geh? Ich wandre in die Berge,
Ich suche Ruhe für mein einsam Herz.
Ich werde nie mehr in die Ferne schweifen-
Müd ist mein Fuß, und müd ist meine Seele,
Die Erde ist die gleiche überall,
Und ewig, ewig sind die weißen Wolken...
Mahlers Fassung:
Wohin ich geh‘? Ich geh‘, ich wandre in die Berge.
Ich suche Ruhe, Ruhe für mein einsam Herz!
Ich wandle nach der Heimat, meiner Stätte!
Ich werde niemals in die Ferne schweifen.
Still ist mein Herz und harret seiner Stunde!
Die liebe Erde allüberall
Blüht auf im Lenz und grünt aufs neu!
Allüberall und ewig,
ewig blauen licht die Fernen,
ewig, ewig...
Wie es zu
einer Symphonie zyklischer und doch so revolutionärer Art passt, ist
das erste Lied, wie auch das fünfte, in Sonatenform gestaltet, auch
wenn man hier besser von Lied-Sonate spricht. Von der Jugend
und Von der Schönheit sind in Rondoform abgefasst. Der
Einsame im Herbst und Der Abschied gehören zu jenem
Sonderbereich des mehr intellektuell-romantischen Liedes, in dem die
Form eine nur sehr relative Bedeutung hat und das Gleichgewicht der
Beziehungen zwischen Stimme und Instrumenten auf neuen ästhetischen
Kriterien beruht. Diese Kriterien sind deutlich außermusikalischer
Natur, jedoch nicht in literarischem, sondern in philosophischem
Sinn, wobei die Stimmen manchmal aus Erfordernissen der inneren
Expressivität ihre Funktion tauschen können und der Singstimme eine
ergänzende Aufgabe instrumentalen Ausdrucks, wenn nicht sogar ein
Farbcharakter zugeteilt wird. Das Durchkomponierte dominiert hier,
jetzt auch frei von den wenigen Normen, deretwegen man es als Form
ansehen konnte.
Im Sommer 1910 kehrte Mahler zum letzten Mal in jenes Tal zurück, wo
seine geliebten "Naturlaute" in dem von den hohen Felsen
zurückgeworfenen Licht der Sonnenuntergänge zerflossen, erdrückt
vom dumpfen Grün der umliegenden Wälder. Er begann seine
10. Symphonie, deren
einziger vollendeter Satz,
das Adagio, meiner Meinung nach die Festigung der neuen
Mahlerschen kontrapunktischen Arbeitsweise belegte.
H. F. Redlich nannte Das Lied
von der Erde, die
9. Symphonie und die
Fragmente der 10. Symphonie
eine "Trilogie des Todes". Er erklärte den enormen
qualitativen Sprung, der in diesen Werken, insgesamt betrachtet, zum
Ausdruck kommt, und gleichzeitig das Auftreten gewisser Schwächen,
die sich bereits in der 7.
Symphonie eingestellt hatten, mit dem Umstand, dass
Mahler diese drei Komponisten schuf, nachdem er von seiner
Herzkrankheit erfahren hatte. Dem fatalen Verlauf der Krankheit
gleichsam folgend, sei er musikalisch auf jene Geister gestoßen, die
immer näher an in heranrückten, bis zum letzten Randvermerk im
Scherzo der 10. Symphonie:
"Der Teufel tanzt es mit mir", mit diesem Gefühl des Verlorenseins
und unter diesen Vorzeichen sollten seine Inspiration und sein Leben
zu Ende gehen.
Die Theorie Redlichs beruht auf der unanfechtbaren Tatsache der
Diagnose, obwohl diese, als sie im Sommer 1907 gestellt wurde, keine
schwere Erkrankung feststellte. Die angeborene krankhafte
Sensibilität trieb Mahler jedoch, wie wir bereits bemerkt haben,
sogleich auf den trostlosen Weg schmerzlichster Hypochondrie.
Redlichs Theorie stützt sich außerdem auf thematische Ähnlichkeiten,
die seiner Meinung nach die Kontinuität des musikalischen
Grundgedankens beweisen, seine progressive Vertiefung und
gleichzeitige Aufspaltung, in Analogie zu, oder besser, im Einklang
mit den psychischen und biologischen Vorgängen bei dem Kranken, mit
dem unvermeidlichen Wechsel von Schärfung und Nachlassen seine
Körperdaseinsgefühls. Sie versuch das auf ein (nennen wir es ruhig)
konkretes Terrain
zu bringen, was Paul Bekker zuerst auf ideeller Ebene zu erfassen
versuchte und was Th. W. Adorno und seine Anhänger in der Folge auf
eine eindeutig idealistische Ebene transferieren wollten. Letzten
Endes gebührt Redlich das Verdienst, sich bei der Darlegung der
Theorie der "Trilogie" an die Tatsachen gehalten zu haben. Er hatte
den Mut, einige musikalische Elemente, die als stilistische
Konstanten feststellbar sind, herauszuarbeiten und zu belegen. Er
nahm in sein Konzept der "Trilogie" auch die These Bekkers auf, die
er neu interpretierte und auf die übrigens auch Adorno zurückgreift.
Von einer "Trilogie" zu sprechen, ist durch objektive Umstände
gerechtfertigt: der Bruch zwischen diesen Kompositionen und dem
rhetorischen Ausufern der 8.
Symphonie, die ihres Schöpfers nur im ersten Teil würdig
ist, ist mindestens ebenso groß wie jener, der die
8. Symphonie von der
Gruppe der mittleren Symphonien trennt. Eine Analyse der letzten
Werke führt mit Recht dazu, dass man deutlich zwischen dem
unterscheidet, was vor der 8.
Symphonie und dem, was nach der
8. Symphonie
komponiert wurde. Was danach komponiert wurde, sind zwei Symphonien
- eine Liedersymphonie: Das
Lied von der Erde, eine Symphonie in D-Dur: die
9. Symphonie - und
zwei Sätze einer weitere Symphonie, die sich irgendwie auf die
Intentionen der Göttlichen
Komödie beziehen sollte: drei Werke also, deren drittes
unvollendet ist. Wer darin eine "Trilogie" sehen will, hat alle
Elemente hierfür in der Hand. Da man auch aus dem
Troubadour, der
Traviata und dem
Rigoletto eine
"Trilogie" gemacht hat, hindert uns nicht daran, die Dinge hier in
ähnlicher Weise zu sehen. Zur Vermeidung von Missverständnissen muss
aber deutlich gemacht werden, dass man bei einer solchen
Betrachtungsweise dann beim
Ring des Nibelungen, bei dem dichterische, dramatische
und musikalisch-thematische Kontinuität in ganz einheitlicher Art
ausgeprägt ist, nicht von einer Tetralogie sprechen dürfte. Wenn
aber die Einheit in ihren verschiedenen Parametern und
Erscheinungsformen als Kriterium angesehen wird, dann ist es ebenso
unangebracht, von Verdi-Trilogie wie von Mahler-Trilogie zu
sprechen.
Dies verkennt natürlich eine Tatsache nicht, die beiden Fällen
gemeinsam ist und die eine gewisse Bedeutung hat: die Tatsache einer
präzisen zeitlichen Aufeinanderfolge mit genauen Umrissen. Es wird
nur deutlich gemacht, dass auch die nächste biographische oder
autobiographische Prägnanz eines bestimmten Kompositionszyklus oder
sonstigen künstlerischen Zyklus nicht die Rolle eines geschlossenen
Gedankengebildes mit seiner genau definierten formalen Einheit
übernehmen, sondern höchstens als Gesamtheit von Einzelheiten
präsent werden kann, von mehrfachen persönlichen Erfahrungen, die
als Erfahrung nicht auf eine Einheitlichkeit reduzierbar sind, da
eben diese ihre Vielfalt ausschließen würde.
Das Lied von der Erde
und die 9. Symphonie
wurden inmitten einer fieberhaften Aktivität komponiert,
die Mahler häufig zwischen Europa und den Vereinigten Staaten hin-
und herreisen ließ, mit kurzen Ruhepausen in Südtirol. Auch die
10. Symphonie wurde
in dieser hektischen und teilweise von Routine gekennzeichneten
Atmosphäre begonnen. Nun, da die erste Komposition dessen, was man
als Zyklus sehen will, nämlich
Das Lied von der Erde,
nach Auflösung seine Verbindung mit der Wiener Oper begonnen wurde,
warum sollte man nicht von einer "Trilogie aus der Neuen Welt"
sprechen, in Anlehnung an Dvorák? Oder warum sollte man nicht
geradezu von einer "Toblacher Trilogie" sprechen, so wie man von
Haydns Londoner Symphonien
spricht? All das hätte nicht weniger Sinn als "Trilogie
des Todes" und auch nicht weniger Objektivität.
Was ist also der Hauptgrund, dass der Tod und nicht anderes den
objektiv verschiedenen Werken Einheit verleiht? Warum sind sich
Männer wie Bekker, Redlich, Adorno, scharfsinnige Exegeten und
leidenschaftliche Anhänger des Mahlerschen Werkes, in diesem Urteil
einig? Ist es vielleicht ganz oder teilweise wahr oder balanciert
man nicht vielleicht in labilem Gleichgewicht auf dem Seil des
Mißverständnisses?
Wie weisen allerdings darauf hin, dass die Diskussion über die
10. Symphonie nicht
weiterverfolgt werden kann und dass das uns verbliebene Adagio
höchstens eine Tendenzlinie bestätigt, jedoch bloß ein Fragment ist,
das hinsichtlich der Ausdrucksweise und der Kompositionstechnik
nicht über die 9. Symphonie
hinausgeht. Das Problem reduziert sich daher auf Das
Lied von der Erde und auf die letztgenannte Symphonie. Weiters
versuchen wir herauszufinden und zu sehen, wie sich das Thema vom
Tod entwickelt. Bekker vertritt explizit die Theorie, dass die
9. Symphonie ideell
die 3. Symphonie
fortsetzt, in dem Sinne nämlich, dass nach:
Was mir die Blumen auf der Wiese
erzählen, Was mir die Tiere im Wald erzählen, Was mir die Nacht
erzählt, Was mir die Morgenglocken erzählen, Was mir die Liebe
erzählt - der Thematik also, die der zweiten Abteilung
der 3. Symphonie
beziehungsweise dem zweiten, dritten, vierten, fünften und sechsten
Satz innewohnt - Mahler uns mit seiner letzten vollendeten Symphonie
sagen wollten, "was ihm der Tod erzählt".
Ohne weiter ins Detail zu gehen, sehen wir, wie die poetische Idee
Bekkers, die zutiefst noch an eine von außen kommende Inspiration
gebunden ist - der Tod ist in uns, aber wir sind beinahe immer
unfähig, ihn zu erleben, deshalb sagen wir:
er kommt, er begegnet uns, er
packt uns usw. - sich in Redlichs Prosa in eine kalte
chronikartige Feststellung verwandelt, um bei Adorno zum Abbild des
Todes einer Epoche oder gar in Vorwegnahme des Todes einer Welt,
einer Weltanschauung zu werden., der von sekundären, aber
notwendigen Ideen begleitet ist, wie Dekadenz, Zerstörung,
Selbstvernichtung. Diese Idee verkörpert sich nach Adorno
schließlich in Hegelscher Weise im
Lied von der Erde und
vor allem in der 9. Symphonie.
Die Bemühungen Adornos, die in jeder Hinsicht verdienstvoll sind,
laufen jedoch durch ihre kaum nachvollziehbaren Schlussfolgerungen
Gefahr, von ungeschickten Schülern zunichte gemacht zu werden. Nach
Erhebung der Extension zum Prinzip, nach Schaffung der Kategorie der
Extensionalität überdialektisieren diese Schüler die Widersprüche,
durch die hauptsächlich aus der
Neunten als absoluter
Negation aufgrund des Bejahenden, da sich gerade in dieser
Absolutheit verbirgt, die Voraussetzungen für die gesamte
nachfolgende Musik entstehen: von den Grimassen und Schreien des
Expressionismus zum Konstruktivismus der Seriellen und der
pluriparametrischen Seriellen bis zur musikalischen Ästhetik der
Aleatorik. Mit analytischem Furor, der eine grundlegende
Bilderstürmerei bemäntelt, stöbern sie drei Noten hier auf, zehn
Noten dort, Paraphrasen über
Die lustige Witwe oder den
Radetzkymarsch,
Partikel aus dem Fliegenden
Holländer, - und stellen sie auf dieselbe Stufe wie
ausführliche Bezüge zu Beethoven, Bruckner und gewissen
Selbstzitaten. All dies ergibt, gemischt mit unzulässigen
chronologischen Gewaltakten, wie etwa jenem, der die
9. Symphonie mit dem
Pierrot Lunaire
verbindet, weil beide 1912 zum ersten Mal aufgeführt wurden (was
denselben Wert hat, wie das Adagio der
10. Symphonie mit den
Zwölftonkompositionen von 1924 in Zusammenhang zu bringen, da dieses
Adagio damals uraufgeführt wurde), nicht bloß Verwirrung, sondern
ist auch ein Zeichen von tiefer Unlauterkeit. Es ist vielleicht mehr
noch ein Zeichen für den zweideutigen Aspekt der Wiederaufwertung
Nietzsches als Philosoph der Dekadenz.
Das Thema des Todes beherrscht zweifellos die letzten Kompositionen,
aber in verschiedenen Stadien und mit verschiedenen Gewichtungen.
Schematisierend könnte man sagen, dass mit dem
Lied von der Erde die
Unvermeidbarkeit des Todes auftaucht und dass die Grundhaltung der
9. Symphonie die
der Erwartung ist.
Das Lied von der Erde
kündigt den wieder gewonnenen Frieden an. Frieden oder
Resignation? Für den Lebenden ist die Unterscheidung bedeutungslos.
Frieden ist Resignation, und diese Synthese stellt sich außerhalb
der Zusammenhänge von Ursache und Wirkung, die bereits zu sehr
simpflifizieren, da es zur Konvention gehört, die Existenz
statischer, bloß sinnlich erlebter Prozesse zu leugnen. Auf deren
Basis aber muss die Argumentation beginnen, wenn man die Möglichkeit
einer rohen Phänomenbeschreibung zulässt. Diese Symphonie von
Liedern gibt angesichts der sicheren Hoffnung auf den Tod dem
Menschen seine verlorene Heiterkeit wieder. Mit diesem
Lied von der Erde
sublimiert Mahler auch seine negative Erfahrung, und zwar durch die
große Heimkehr in das Land, wo alles seit jeher geklärt ist, weil
nichts zu klären ist. Das Unendliche ist nur eine Grenze, wenn man
sich das Problem des Endlichen stellt. Wenn dieses Problem aber
keinerlei Sinn mehr hat, besteht die Grenze nur in der Beziehung des
Menschen. Bemisst diese Beziehung ihn nach seiner ständigen
Veränderbarkeit und dennoch nach der objektiven Möglichkeit, ihn auf
eine Gesamtheit von Fakten zu reduzieren, die im Grunde immer Riten
eines Lebewesens sind, dann wird das Unendliche sofort erfasst. Es
besänftigt und bereitet auf den Tod vor. Der Sinn des Lebens ist,
ruhig zu sterben zu wissen.
In der 9. Symphonie
findet das, was das Lied
von der Erde erreicht hat, Erfüllung in Klängen, die,
wie Alban Berg später sagen wird, rein sind wie die Luft des
Semmerings. Der gesamte Symbolismus dieses Werkes ist
bewundernswert, obwohl er nichts mit dem Willen zu tun hat, in
Symbolen zu sprechen. Er nähert sich eher der Ausdrucksweise für den
Tod, die von der Kunst der
Fuge bis zum Opus
135 von Beethoven und der
9. Symphonie von
Bruckner die letzten Kompositionen dieser Meister kennzeichnet. Der
von Alban Berg unternommene Versuch, als Kryptiker in die Sprache
der Neunten
einzudringen, ist der Versuch eines Poeten, nicht eines Musikers.
Dies wurde möglich, weil diese Symphonie von Mahler eine heftige
Welle an Poesie auf die Hörer zuträgt, und diese Poesie ist der
unvermeidbare Tribut an die Mehrdeutigkeit jeder musikalischen
Ausdrucksweise. Es ist jedoch nicht erlaubt, über die thematische
Forschung, die diese Mehrdeutigkeit noch verstärkt, hinauszugehen.
Das Werk kann höchstens formal studiert werden, um die wunderbare
Kompositionstechnik zu erkennen, zu der der Künstler dank seines
unablässigen Kampfes um die Klarheit gelangte, seine ununterbrochene
Selbstkritik, die er stets gegen den im aufgerückten Stempel der
Unzeitgemäßheit üben musste. Letztlich war er wieder unzeitgemäß,
als er mit seiner 9.
Symphonie in die Zukunft vorstieß.
Ein richtiges Erfassen der
Neunten ist nur unter der Bedingung möglich, dass man
trotz der Versuchungen ihrer Symbolismen auf die Idee verzichtet,
sie als "reine Musik" anzusehen. Der Komponist schuf, auch wenn er
vom Gebrauch des erklärenden Wortes absah und längst jegliches
Programm für seine Symphonien verdammt hatte, nicht absolute Musik
mit dem Vorsatz, jener Schönheit nachzustreben, zu der die wahre
Musik nach dem Hanslickschen Credo notwendigerweise tendieren
müsste, sondern vertonte den Inhalt seines eigenen Lebens:
Erfahrungen, Leiden, Wahrheiten, und Poesie. Nicht einmal die
stärksten Inspirationskrisen brachten ihn dazu, die Kriterien eines
"inneren Programms" aufzugeben. Im äußeren Fall wurde dieses
Programm verzerrt, um formalistische Lösungen anzubieten. Die immer
wieder geäußerte Aufforderung des Komponisten, seine Musik als
"persönliche Erfahrung, die nicht in Worten ausgedrückt werden kann"
anzuhören, bietet jedoch noch immer nicht den geeigneten Schlüssel
zur Dechiffrierung von Symbolen und Anspielungen, auf denen diese
komplexe Struktur beruht. Ist es aber überhaupt möglich genau zu
definieren, was unter tiefem Verständnis eines Kunstwerks zu
verstehen ist, wenn seine Inhalte durch einen diskontinuierlichen
Prozess bis zum äußersten symbolisiert wurden? Hier scheinen die
Schwierigkeiten wahrhaft unüberwindlich zu sein, und die einzige
Hilfe wird uns vielleicht durch die wenigen Worte zuteil, die man in
einem Brief vom Jahr 1896 an Max Marschalk nachlesen kann: "Mein
Bedürfnis, mich musikalisch-symphonisch auszusprechen, beginnt erst
da, wo die dunklen
Empfindungen walten, an der Pforte, die in die 'andere Welt'
hineinführt; die Welt, in der die Dinge nicht mehr durch die Zeit
und Ort auseinander fallen."
Wenn wir also unsere Hoffnungen auf Verständnis der Mahlerschen
Musik auf diese Aussagen stützten, müssten wir uns bei der Neunten
vor allem fragen, welche möglichen Erfahrungen und Leiden der
Komponist durchlebt hat und welche dunklen Empfindungen diese
Erfahrungen und Leiden als Ursachen oder Folgen begleitet haben. Das
bedeutet praktisch, sich an eine Forschung an den Grenzen der
Tiefenpsychologie zu wagen. Ein solches Vorgehen würde die Kritik,
die nur stark an ästhetischen Formeln ist, unweigerlich empören,
doch diese Annäherung an die Pforten der
anderen Welt - jener
Welt, die sich nicht historisch einfangen lässt, und wenn, nur als
Gegenstand der Entdeckung - stellt unserer Meinung nach den
einzigen, zwar nicht sicheren, aber doch weniger unsicheren Weg dar,
um die verstreuten Fragmente individueller Erfahrungen mit den
Ausdruckserfordernissen des Künstlers in Einklang zu bringen.
Natürlich tendiert jede Art der Ausdrucksform, auch auf
pathologischer Ebene, zu einem zweifachen Ziel: mit den anderen zu
kommunizieren und sich selbst klarer zu werden über das, was man
sagt, auch gleichzeitig den Grund zu erfahren, weshalb man das
Bedürfnis empfindet sich auszudrücken. Diese zweifache objektive
Voraussetzung des Sich-Ausdrückens führt die Notwendigkeit mit sich,
auf die Form - als Form der Eingliederung, Folge, Verknüpfung und
Darstellung der Inhalte - zurückzugreifen, eine Form, die diesen
bestimmten Inhalten entspricht, die aber unerlässlich ist, wenn man
nicht die gebärdenhafte Ausdrucksweise des Selbstgesprächs in Kauf
nimmt. Auch die Form, in der sich das "Sich-Ausdrücken" realisiert,
hilft deshalb, den Sinn des Mitgeteilten zu durchdringen.
Unserer Meinung nach handelt es sich jedoch nicht um eine
sublimierte Reflexion über den Tod, die sich in ein Kunstwerk
auflöste, oder um eine Reflexion über die Unvermeidbarkeit des
Todes, der einmal als Verzicht auf das lebendige Leben, einmal als
Befreiung von Leiden gedeutet werden kann. Wäre dies so, dann würde
es sich um vertonte Literatur handeln, sei es nun die akzeptierte
Literatur von Tod und
Verklärung von Strauss oder die nicht akzeptierte des
Opus 29 von
Rachmaninow oder des Opus 128
von Reger.
Die literarische, poetische oder philosophische Betrachtung des
Todes bringt fast nie einen bedenklichen physischen Zustand im
Betrachter mit sich. Der Kranke hingegen, der dem Tod nahe ist,
fühlt den Tod, sieht sich sterben, wird sich seines Sterbens
physisch und psychisch bewusst, und in den Augenblicken, in denen er
sich am meisten mit seinem demnächst eintretenden neuen Zustand
vertraut macht, erlebt er ständig den eigenen Tod. Die
9. Symphonie ist die
Erfahrung des rational erlebten Todes, des Todes als eroberter
Gewissheit, eine Erfahrung, die, genau betrachtet, nach dem
Lied von der Erde
leicht erklärbar ist. Denn wir haben gesehen, dass dieses
Lied von der Erde die
erste Annäherung an die Loslösung vom Elend des Lebens darstellt, in
der panischen Perspektive einer Rückkehr zur Erde, die immer
wieder aufblüht im Lenz. Wie im
Lied von der Erde und
wie im Plan der 10. Symphonie
finden wir auch in der
9. Symphonie zwei
langsame Ecksätze, das
Andante comodo in D-Dur (erster Satz) und das
Adagio in Des-Dur
(letzter Satz), die die Essenz der besonderen Form bilden, die der
Künstler für geeignet hielt, den andren und sich selbst die
Erfahrungen zu vermitteln, welche unter jenen besonderen Umständen
(die im Durchschnittsmenschen von der Anhäufung von Krisenfaktoren,
von deren Explosion und ihrer Schöpfung in einem fortgesetzten
Aufschieben der Angst bestimmt werden) von den dunklen Empfindungen
beherrscht werden. Diese Symphonie ist wie
Das Lied von der Erde
und das Konzept der Zehnten
in drei Teile geteilt, die nicht der Satzeinteilung
entsprechen, Mahler gliederte seine Werke andererseits von der
Fünften an, mit
Ausnahme der Achten,
immer in drei Teile. Die Charakteristik der letzten drei
Kompositionen im Verhältnis zu den übrigen besteht darin, dass die
ersten und die letzten Teile aus langsamen Sätzen bestehen, die
Mittelteile aus bewegten Sätzen, wie im Falle der
Neunten, der Ländler
und die Rondo-Burleske.
Der erste Satz dauerte auch fast so lange wie der letzte, während
Scherzo und
Rondo zusammen so
lange dauern wie jeder der beiden anderen Teile allein.
Das Lied von der Erde
klingt in einem ergreifenden
Abschied aus, der
voll ist von Resignation und Vertrauen auf die große Rückkehr zur
Erde. Die dunklen Empfindungen, die jene Todeserfahrung
beherrschten, zielten alle darauf ab, die unnützen Rebellionen des
Menschen zu sänftigen und ihn zur Entmystifizierung des Tragischen
zu leiten, zur Annahme jener Werte, die man jenseits der Geschichte
gelegen glaubt und die allein aus dem Tod kein privates Erlebnis,
sondern ein notwendiges Ereignis zu machen scheinen. Der erste Satz
der Neunten
durchlebt die Erfahrung des Loslösens durch den Übergang vom
Kollektiven zum Individuellen, von der Teilnahme am Ritus des
Verzichtes zur Ritualität. Nicht mehr der Abschied von der Erde
durch die Rückkehr zur Erde, sondern der Abschied von den
vergangenen Tagen, von den schönen Träumen der Jugend. Der
Überreichtum an Zitaten in diesem ersten Satz wurde bereits erwähnt:
das Todesthema der 8.
Symphonie von Bruckner, eine Reminiszenz an das
"Lebewohl" der Sonate Les
Adieux von Beethoven, zu denen zwei Selbstzitate
hinzukommen, das erste aus dem
Klagenden Lied, das
zweite aus dem Lied von der
Erde. Diese Zitate gehören zur Idee der literarischen
Betrachtung des Todes, die für Mahlers Jugendjahre charakteristisch
war, und über die zuvor in ihrer Gesamtheit erlebte Erfahrung des
Todes als ewige Rückkehr oder ewige Gegenwart, die nun mit der neuen
inneren Erfahrung in Konflikt gerät. Hier ist vielleicht von
Bedeutung, einen wiederholten Bezug auf den ersten Satz der
Symphonie in h-Moll
von Tschaikowsky hervorzuheben, ein Zitat, das in gewollter
Verzerrung nach oben drängt, was in Tschaikowskys Original an einem
bestimmten Punkt unweigerlich nach unten abbiegt - fast wie ein
letztes Aufbäumen gegen den selbstzerstörerischen Prozess, den die
letzte Symphonie des russischen Musikers schmerzlich zelebriert.
Die beiden Mittelsätze von Mahlers
Neunter beinhalten
die dramatische Krise. Vitalistische, ungeordnete, oft inkohärente
Elemente charakterisieren den
Ländler; ein
unbeholfenes Sich-Bewegen in der Vergangenheit, in seiner Naivität
wie in seiner Trivialität. Elemente luzider Besessenheit, die mit
dem kurz vorhergegangenen Leben als Künstler, mit der Musik selbst,
vielleicht sogar mit dem sich nahenden Schicksal zusammenhängen,
sind in der Rondo-Burleske
allzu deutlich, die seinen "Brüdern in Apoll" gewidmet
ist. Hier stoßen der Wille zum Bewahren und zum Bruch so
aufeinander, dass jedes Ordnen des Ungeordneten blockiert wird, -
jenes Ordnen und Organisieren, das aus der Zwangswiederholung die
einzige Entwicklungsmöglichkeit nicht so sehr für das Individuum als
für die ganze Gesellschaft macht. Die Ironie, manchmal vielleicht
"im Sinne des Plato eironeia", ist der Höhepunkt der Krise, denn sie
ist ein Aspekt des Rückschritts auf das Tragische: die Animalität
des Wunderhorns
in seiner bösen Endlosigkeit trotz der Predigten des Hl. Antonius.
Um sie zu mäßigen, kommt eine Chorstelle hinzu, aus der sich in der
Folge das Hauptthema des Schlussadagio ergibt, so als ob der Mensch
am Ende verstanden habe, dass er dem Wald zugehört, und dass hinter
jenen dunklen Fichten auch er, ein Tier voll Angst, den Morgen
erwartet, denn nur im hellen Blau fühlt er das Leben. Der letzte
Satz, der sich zusammen mit dem
Abschied , mit dem
ersten Satz der Neunten
und dem Adagio der
Zehnten das Primat
streitig macht, zu den inspirierendsten Sätzen Mahlers zu gehören,
löst sich in die Regionen des Schmerzes auf, befreit von der
Verzweiflung. Durch die Erinnerung aber wird der Abschied vom Leben
schmerzhafter gemacht, der in jenem Brucknerschen Frieden
herbeigesehnt wird, - Frieden, der mit den Jahren von seinen
mystischen Zweideutigkeiten gereinigt wird und stellenweise an die
reine, selten gewordene Atmosphäre des letzten Liedes der
Liedersymphonie erinnert.
Mahler wusste bereits, dass er sterben musste, sein krankes Herz
erinnerte ihn mit jedem Schlag daran. Mit seiner
9. Symphonie hat er
uns etwas mitgeteilt, das mehr ist als ein Schönheitsideal oder ein
Ideal der bloßen musikalischen Perfektion. Er hat versucht, uns
einen langen Moment zu enthüllen, in dem sich ihm der Sinn des Todes
zu erkennen gegeben hat.
Dieses bis zum äußersten getriebenen Gefühl geht über die Musik
hinaus, die daher weder rein noch unrein sein kann, so wie das
Gefühl, das die engen Kategorien der irdischen Terminologie
überwindet, nicht rein und nicht unrein sein kann. Dieses Gefühl
kann angenommen oder zurückgewiesen werden, es kann als Einklang
oder Empfindung erfühlt werden, als Empfindung oder Mitfühlen, wie
auch die 9. Symphonie,
ein Geheimnis unserer Zeit, zu dessen Durchdringung letzten Endes
ein Wort von Goethe dienen kann. Mahler hat es als Antwort auf eine
Rundfrage verwendet, die wissen wollte, was er schaffe: "Der
Gottheit lebendiges Kleid".
Und in diesem Geheimnis liegt die letzte irdische Folgerichtigkeit
Mahlers: denn auch in seiner Hoffnung, auch in seiner Gewissheit ist
der Tod doch immer viel geheimnisvoller als das Leben. So mussten
von dem Künstler, der immer die Natur nachahmen wollte,
ausschließlich Erinnerungen an die Vergangenheit und dunkle
Empfindungen wiedergegeben werden. |